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Angesagt altmodisch : Ein Füller für Freundin Nr.6

Geschenkidee für Smartphone-Gewöhnte: Füllfederhalter gelten inzwischen als unkonventionelle Party-Präsente. Bild: Hersteller

Was bedeuten hochwertige Schreibgeräte schon in digitalen Zeiten wie diesen? Wer sich auf Geburtstagen und Abschiedsfeiern umhört, erfährt: sehr viel. Über ein Gruppengeschenk.

          5 Min.

          Der Rheinländer um die dreißig, der seit Studienabschluss im selben börsennotierten Unternehmen arbeitet, hat im vergangenen Jahr sechs Gruppengeschenke organisiert, mal zu runden Geburtstagen seiner Freunde, mal zum Abschied eines Kollegen. Mal gab es Wein, mal Kochbücher mit passendem Küchen-Werkzeug, vor allem aber Füllfederhalter, Kugelschreiber, Kugelschreiber, Kugelschreiber.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Idee dazu kam meistens von ihm, die Gruppe steuerte das Geld bei. „Das ist doch etwas, das einen auch in zwei Jahren noch daran erinnert, von wem man es geschenkt bekommen hat“, erzählt er, wenn man ihn fragt, warum es ausgerechnet immer wieder der Kugelschreiber ist. „Und etwas, was man sich selbst so schnell nicht kauft.“ Bei einem Durchschnittspreis von gut 300 Euro pro Stück.

          In Zeiten, da die Feste längst nicht mehr nur so gefeiert werden, wie sie fallen, sondern oft schon marginale Lebensereignisse wie, sagen wir, ein Job-Wechsel größer, besser, ausschweifender begangen werden müssen, haben auch die entsprechenden Geschenke für etwas zu stehen. Also zum Beispiel Schreibgeräte. Wenn es um Gruppengeschenke geht, scheint es förmlich Schreibgeräte zu regnen.

          Man sieht es an den etlichen bunten Sonderkollektionen von Marken wie Caran d’Ache oder Montblanc, deren Stücke so teuer sind, dass man den Betrag tatsächlich besser mit drei bis zehn Freunden teilt, deren Kollektionen aber zugleich genug verschiedene Interessen widerspiegeln, mit denen selbst der entfernte Kollege richtig liegt – ein Hamburg-Kugelschreiber für denjenigen, der jetzt auf dem Sprung in die Hansestadt ist, eine Mozart-Sonderedition für den Liebhaber klassischer Musik.

          Verrückte Geschenkidee für den verlängerten Smartphone-Arm

          Man sieht es auch an dem Umsatzplus im Handel, ausgerechnet in digitalen Zeiten wie diesen. So meldet die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), dass der Markt für PBS-Artikel – für Papier, Bürobedarf und Schreibartikel – in Deutschland 2015 im zweiten Jahr in Folge gewachsen ist. 480 Millionen PBS-Artikel seien im vergangenen Jahr verkauft worden, zwei Millionen mehr als noch 2008, als es der Branche zuletzt gutging. Natürlich trage das diverse Zubehör, das man braucht, um sein Zauberwald-Ausmalbuch, den Trend des vergangenen Jahres, vernünftig zu gestalten, einen großen Teil zu dem Umsatz von 1,15 Milliarden Euro im Jahr 2015 bei. So wie die höheren Durchschnittspreise in fast allen zwanzig Bereichen der Welt von Papier, Büro- und Schreibbedarf.

          Aber gerade bei Füllern sei der Preisanstieg auch dadurch zu erklären, so die GfK, dass die Nachfrage nach hochwertigen Modellen steige – die dann immer öfter verschenkt werden würden. Mehr als ein Drittel des Umsatzes bei Füllern sei schon 2015 mit Modellen gemacht worden die über 30 Euro kosten. Jene, die sich eben besonders gut als Gruppengeschenke eignen.

          „Ein Schreibgerät ist immer noch das ,Ich habe es geschafft’-Stück schlechthin“, sagt Carole Hübscher, Präsidentin von Caran d’Ache, einer Marke für hochwertige Füllfederhalter und Kugelschreiber. Das mag in Vor-iPhone- und Vor–iPad-Zeiten zwar schon so gewesen sein, nur war damals ein Füller oder zumindest ein Kugelschreiber eben so unerlässlich, dass man diesen schon zum Abitur oder zum Studienabschluss bekommen hat. Heute schenken ihn zehn Freunde ein paar Jahre später, denn so etwas Verrücktes wie ein Schreibgerät hat derjenige, der feiert und dessen Verlängerung des Armes heute eher das Smartphone ist, bestimmt noch nicht.

          Einfallsreicher als das alkoholische Mitbringsel

          Nur, hoffentlich kann der Beschenkte überhaupt noch mit einem Füller umgehen. Wenn man Waltraud Bethge, Geschäftsführerin des gleichnamigen Luxusschreibwaren-Händlers in Hamburg, auf das Thema anspricht, fällt ihr nämlich zunächst die Bedrohung der Schreibschrift ein. In Finnland hat man diese im vergangenen Jahr ganz abgeschafft, auch hierzulande wird das digitale Klassenzimmer immer wichtiger, in einigen Bundesländern lernen die Kinder schon heute statt lateinischer Ausgangsschrift und vereinfachter Ausgangsschrift Grundschrift. „Schreiben Sie mal mit einem Füllfederhalter Druckschrift“, sagt Bethge. Zugleich geht aber auch in ihren Filialen, wo ohnehin nicht sonderlich günstige Füller liegen – Durchschnittspreis um die 300 Euro –, die Tendenz zu noch hochwertigeren Schreibgeräten, die dann oft von Gruppen gekauft werden.

          Neulich war es wieder so weit: „Fünf junge Damen, schätzungsweise Anfang zwanzig und gerade im ersten Job, kamen vorbei, um für eine sechste einen Füllfederhalter zu kaufen. Da hatte jede von ihnen ihren eigenen Geschmack“, erinnert sich Bethge. „Aber da die Beschenkte am Ende nicht zurückgekommen ist, wird es wohl das Richtige gewesen sein. In solchen Fällen wird richtig viel Geld ausgegeben.“ 600 Euro ließen sich die fünf Freundinnen das Schreibgerät für die sechste kosten.

          „Wenn sich die Freunde zusammen organisieren, um etwas zu schenken, dann freut man sich als Gastgeber eigentlich schon allein über den Zusammenhalt“, sagt der Rheinländer, der im vergangenen Jahr gleich mehrere Schreibgeräte für Gruppengeschenke organisierte. „Ich möchte die Gastgeber damit aber auch vor doofen Geschenken schützen, zum Beispiel vor allzu viel Alkoholika, das meiner Meinung nach mit Abstand Einfallsloseste, was man mit auf eine Party bringen kann.“

          Andererseits ist es fraglich, ob das Schreibgerät da im Vergleich das einfallsreichste Geschenk ist, das man einem lieben Menschen machen kann. Auch bei dem Rheinländer liegen schon drei Montblanc-Schreibgeräte in der Schublade, „ein Füllfederhalter, ein Kugelschreiber, ein Tintenroller“. Ihn störe das nicht, aber ein Bekannter sagte ihm neulich, er bekäme dieser Tage mehr hochwertige Kugelschreiber geschenkt, als er jemals verwenden könne.

          Trend geht zur Personalisierung

          Trotzdem, in gewissen Lebenslagen ist man eben immer noch glücklicher, ein schönes Schreibgerät in den Händen zu halten. Wenn man die Karte zur Geburt der Tochter der Freunde sorgfältig ausgesucht oder das Büttenpapier extra mit ein paar mehr Gramm gekauft und sich die Zeilen genau überlegt hat, dann wäre es geradezu unpassend, sich im letzten Schritt mit dem Kritzel-Kuli mit anthrazitgrauer Mine ans Werk zu setzen, der irgendwann mal auf unerklärliche Weise als Werbegeschenk den Weg in die Tasche gefunden haben muss.

          Dass Menschen heute ihre Dokumente auf dem elektronischen Schreibtisch speichern, heißt ja nicht, dass in den Wohnungen keine echten Schreibtische mehr stehen; diese verändern sich nur. Statt großen schweren Tischen finden nun immer mehr winzige Sekretäre in Wohnzimmerecken Platz. Und statt eines ganzen Sammelsuriums an Schreibgeräten geht es um das eine, das als Wertsache längst für mehr steht als eine saubere Handschrift. Der Füller, der Kugelschreiber, sie werden also zum einen zu Dekoartikeln heruntergestuft und avancieren zugleich zu einer Art Schmuckstück mit emotionaler Bedeutung.

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          Beflügelt wird der Trend zum Gruppengeschenk Schreibgerät natürlich von dem Wahn, auf alles und jedes den Namen setzen zu lassen. Personalisierung, aber möglichst einfach und kostenlos, dürfte das Verkaufsargument der Stunde sein. Die Botschaft: „Das ist jetzt meins“, egal ob es um die Schuhsohlen geht oder die Handtaschenschließe. Kaum etwas eignet sich aber zu Personalisierungszwecken besser als der Füllfederhalter, auf dem schwarz auf weiß – oder eben in goldener Schreibschrift auf schwarzer Kappe – der eigene Name, die Initialen stehen. „Gravuren sind für uns gerade ein sehr wichtiges Thema“, sagt auch Carole Hübscher von Caran d’Ache.

          Tintenroller sind heute das neue Ding

          Dazu eine entsprechend aufschlussreiche Zahl hält Oliver Goessler, Geschäftsführer von Montblanc, bereit: „Knapp 80 Prozent unserer Schreibgeräte, die über den Online-Shop gekauft werden, sind mit Gravuren versehen.“ 80 Prozent! Auch Goessler spricht von einem Revival des „Meisterstücks“, des Montblanc-Einstiegsmodells, das besonders gerne in Gruppen verschenkt wird und eben vornehmlich mit dem Namen des Beschenkten versehen ist.

          Der einzige Haken daran: Anschließend hat derjenige kaum die Möglichkeit, das Präsent umzutauschen. Gerade bei einem Füllfederhalter kann das tückisch sein. „Man muss ihn eigentlich selbst ausprobieren, um zu wissen, ob die Feder richtig ist“, sagt Waltraud Bethge. Ein schwacher Anhaltspunkt: Je größer die Hand, umso größer auch die Feder. Sicherer sei man mit einem Tintenroller unterwegs. Der schreibt beinahe genauso sauber, muss nicht ganz so regelmäßig verwendet werden und ist heute für viele Marken das neue Ding.

          Oder man geht das Geschenk eben zusammen mit genug Beteiligten aussuchen. Bethge schmunzelt: „Wenn, wie neulich, die fünf Damen einen Füllfederhalter für eine sechste ausprobieren, dann dürfte das auch passen.“

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