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Angelina Jolie : Der Mut der Übermutter

Sie bewies Mut. Ihrer Karriere wird das nicht schaden Bild: AP

Mit ihrem öffentlich gemachten Entschluss zu einer vorbeugenden Brustamputation hat Angelina Jolie viel Aufsehen erregt und für Diskussionen gesorgt. Was bedeutet der Schritt für ihr Image - und für ihre Karriere?

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          Es war eine Aktualisierung aus aktuellem Anlass. Bei Christie’s, so kündigte die Deutsche Presse-Agentur am Dienstag an, würde am Mittwoch ein Foto von David LaChapelle versteigert, das die junge Angelina Jolie neben einem Pferd und mit bloßem Oberkörper zeige, wobei ihre Brüste „weitgehend von dem Kopf des Pferdes verdeckt“ seien. „Bisher“, fuhr die dpa vielsagend fort, habe das Auktionshaus „mit einem Schätzpreis von rund 40 000 Euro gerechnet“. Das, schwang hier mit, sollte jetzt locker überboten werden - hatte sich der historische Wert der Aufnahme an ebenjenem Dienstag doch vervielfacht.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An diesem Tag hatte Jolie in einem in der „New York Times“ veröffentlichten Artikel bekanntgegeben, dass sie sich einer Mastektomie unterzogen hatte, einer Entfernung des Gewebes beider Brüste. Eine Reaktion auf einen Gentest, der bei ihr ein Risiko von 87 Prozent ermittelt hatte, eines Tages an Brustkrebs zu erkranken.

          „Ein kulturelles und medizinisches Erdbeben“

          Ob es am Pferdekopf lag oder an etwas anderem: Bei der Auktion erzielte das Bild einen für dpa-Erwartungen enttäuschenden Preis von 35500 Euro. Da hatte er also noch nicht gewirkt, der vom „Time“-Magazin in seiner Titelstory vom Freitag beschriebene „Angelina-Effekt“ - die Tatsache nämlich, dass die Schauspielerin mit der Offenlegung ihrer Fallgeschichte „ein kulturelles und medizinisches Erdbeben“ ausgelöst habe. Mit einem Mal weiß die Welt, was BRCA1-Mutationen sind, diskutiert das Für und Wider von Erbgutanalysen und vorsorglichen Brustamputationen. Wobei sich Jolie, was oft ignoriert wird, die Brust nicht komplett, sondern nur das Gewebe entfernen und die Haut wieder auffüllen ließ. Was die üblichen Twitter-Inkontinenten natürlich nicht davon abhielt, krokodilstränenreich das Ableben von Jolies Busen zu betrauern.

          Der kollektive Besitzanspruch, mit dem wir den Stars unserer Zeit begegnen, manifestiert sich auch in der nun oft gehörten Frage: Musste das sein? Kapituliert Jolie, die sich als Kämpferin charakterisiert hat, hier vor einem Feind, der sich noch nicht einmal gezeigt hat? Doch niemand, erst recht kein gesunder Mann, sollte sich anmaßen, über eine solch existentielle persönliche Entscheidung richten zu wollen. Und in ihrem so nüchternen wie bewegenden Text in der „Times“ nennt Jolie, deren Mutter mit 56 Jahren an Brustkrebs starb, den unzweifelhaft besten Grund für ihren Schritt: Sie möchte ihren sechs Kindern so lange wie möglich erhalten bleiben.

          Jolie ist „über“-allem

          Schon eher streiten lässt sich darüber, dass sie ihren Entschluss öffentlich machte. Wobei es gewiss hilfreich wäre, ihren Artikel genauer gelesen zu haben als die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, welche Jolie vorwirft, sie propagiere ihre Operation „jedermann als die einzig richtige Lösung“. Tatsächlich weist Jolie explizit darauf hin, dass die Frauen „Optionen haben“ und informiert ihre eigene Wahl treffen sollten. Sie will Mut machen. Bei manchen wird ihr Vorstoß dennoch Ängste auslösen, sie werden sich vom weltberühmten Rollenmodell unter Druck gesetzt fühlen: Bin ich, wenn ich mich einer so riskanten Prozedur wie Jolie nicht aussetze, womöglich feige - oder eine schlechte Mutter?

          Ob man Jolies Akt nun als „heroisch“ feiert, wie es ihr Mann Brad Pitt getan hat, oder als zwiespältig wertet: In jedem Fall hat sie mit ihrem Auftritt mal wieder alle überwältigt. Mit dem „Über“ überschlagen sich Jolie-Exegeten ohnehin gern: Sie ist die Über-Frau. Die Übermutter. Von „erotischer Überpräsenz“, wie eine Zeitung schrieb. Über-sinnlich, überirdisch schön. Jolies Überlebensgröße - oder träfe es nun besser: Überlebens-Größe? - verschafft ihrer Botschaft eine Wirkung, die, sagen wir, Gwyneth Paltrow oder Sandra Bullock nie erreicht hätten. Mit ihren austauschbar hübschen Kolleginnen von heute hat Jolie wenig gemein, ihre Ahnen sind die Diven der zwanziger bis vierziger Jahre.

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