https://www.faz.net/-gum-vydd

Amokläufer : Junge, komm bald wieder

  • -Aktualisiert am

Amoklauf von „Sturmgeist89”: Endpunkt einer Serie von Kränkungen Bild: dpa

Amok laufen immer nur Jungs - womöglich, weil sie merken, dass sie von gestern sind. Doch gerade jetzt feiern Bücher das Junge-Sein von einst. Antworten auf die Frage, wie ein Mann künftig sein müsste, liefern sie aber nicht.

          6 Min.

          Es gibt wenige Felder, auf denen Jungen die Mädchen noch übertreffen. Eines davon ist der Amoklauf: 98 Prozent aller Amokläufer sind männlich. In der vergangenen Woche gerieten zwei Schulen im Rheinland in die Schlagzeilen, weil wütende junge Männer mit dem Gedanken gespielt hatten, ihre Lehrer und Mitschüler niederzumetzeln. Dass beide Schulen den Namen Georg Büchners tragen, ist ein seltsamer Zufall: Offenbar läuft der eine oder andere junge Mann „wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt“ - wie Büchners Woyzeck.

          In Kaarst wurde das Georg-Büchner-Gymnasium am Dienstag geschlossen, nachdem finnische Ermittler in einem Internet-Chatforum Hinweise auf die geplante Attacke eines Schülers gefunden hatten. Am Freitag hatte sich ein Schüler des Büchner-Gymnasiums in Köln-Weiden das Leben genommen, nachdem er von Polizisten bei einer „Gefährderansprache“ mit Attentatsplänen konfrontiert worden war, die er angeblich bereits wieder verworfen hatte. Im Internet-Profil des 17 Jahre alten Rolf B. fanden sich fünf Bilder der beiden Attentäter, die 1999 an der Columbine High School 13 Menschen töteten. „So wird das gemacht, das sind unsere Helden“, stand darunter geschrieben.

          „Ein bisschen psycho“

          „Das fand ich schon ein bisschen psycho“, sagte der Schüler, der die Seite entdeckt und einen Lehrer darauf hingeweisen hatte, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Zahl der Jungen, die an deutschen höheren Schulen „ein bisschen psycho“ werden und andere Psychos als Helden verehren, steigt. Die Planung eines Amoklaufes sei meist der „Endpunkt einer Serie von Kränkungen“, sagt Jens Hoffmann vom Aschaffenburger „Institut für Psychologie und Sicherheit“, einer der führenden Amok-Forscher in Deutschland. Oft versuche sich ein Junge mit labilem Selbstwertgefühl durch eine solche Verzweiflungstat in Szene zu setzen. „Die wollen sich unsterblich machen“, sagt Hoffmann. „Sie glauben, durch den Vernichtungsakt die eigene Identität wiederherstellen zu können.“

          Gewaltphantasien, weil Jungen spüren, dass sie ins Hintertreffen geraten?

          Auffällig sei, dass solche Angriffe fast nur an höheren Bildungseinrichtungen stattfinden. Die Erkenntnis, dass der Arbeitsmarkt künftig fast nur noch Höherqualifizierten offensteht, scheine besonders auf jenen zu lasten, die fürchten, knapp an der Mindestanforderung „Abitur“ zu scheitern. „Es muss eine gewisse Fallhöhe da sein“, glaubt Hoffmann. Bei Hauptschülern ist der Frust womöglich geringer, da sie von vornherein niedrigere Erwartungen haben. Ist die Zunahme von gezielten Gewaltakten an Schulen - der erste dieser Art in Deutschland war die Tötung einer Lehrerin in Meißen 1999 - womöglich ein Symptom dafür, dass junge Männer jetzt erkennen, wie ihnen die Felle davonschwimmen, während Alpha-Mädchen locker an ihnen vorbeiziehen? Schwer zu sagen. Jens Hoffmann zumindest kann nach eigener Einschätzung nicht beurteilen, ob die Häufung von Attacken in Schulen Zeichen einer allgemeinen männlichen Identitätskrise sei.

          „Jungenkatastrophe“ voll im Gange

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Abwärtstrend der Union : Die verlorene Heimat

          Für viele in der Union war Schwarz-Grün mal eine moderne Idee. Jetzt wächst die Angst, dass die Grünen übermächtig werden – und sie selbst als Juniorpartner enden.
          Ein gepanzerter Polizeiwagen versucht in der Nacht eine Barrikade zu durchbrechen und wird von den Protestlern an der Polytechnischen Universität in Brand gesteckt.

          Krise in Hongkong : Unter Belagerung

          Hunderte Hongkonger Aktivisten harren auf dem Campus der Polytechnischen Universität aus. Die Polizei hat das Gelände umstellt – und droht mit dem Einsatz scharfer Munition.

          DFB-Team vor EM 2020 : Der Zauber lässt sich nicht zurückholen

          Vor der EM 2020 sollen bei der DFB-Elf die Kräfte von 2010 reanimiert werden. Die Analogie liegt auf der Hand. Wie damals wurde die Auswahl verjüngt, Hierarchien wurden aufgebrochen. Doch so leicht ist das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.