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Amerikanische Bootcamps : Erziehung, Ertüchtigung - Misshandlung

  • -Aktualisiert am

Auch ihr Sohn starb im „Bootcamp”: Gina Jones (r.) mit Anwältin Bild: AP

Eine Studie zu amerikanischen Erziehungsstätten kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Disziplin und Respekt werden schwierigen Jugendlichen dort im wahrsten Sinne eingebleut. Von Katja Gelinsky, Washington.

          2 Min.

          Disziplin, Respekt und Patriotismus. Darauf werden Jugendliche, die zu Hause und in der Schule Ärger machen, im „Thayer Learning Center“ gedrillt. Die Erziehungseinrichtung im abgelegenen 270-Einwohner-Nest Kidder in Missouri empfiehlt sich als christliches Internat und Bootcamp, in dem Jugendliche mit militärischer Strenge zurück auf den rechten Pfad gebracht werden. Auch der Ausreißer und Schulschwänzer Roberto Reyes sollte dort zur Räson gebracht werden. Im Herbst 2004 lieferten die frustrierten Eltern ihren 15 Jahre alten Sohn im „Thayer Learning Center“ ab. Knapp zwei Wochen später war Roberto Reyes tot.

          Der Gerichtsmediziner diagnostizierte den allmählichen Zerfall von Muskelzellen, vermutlich durch einen Spinnenbiss. Fatalerweise hatten die Mitarbeiter des Bootcamp die Krankheitssymptome wie Straucheln, Erbrechen, Einnässen sowie Robertos Klagen über Muskelschmerzen als Ungehorsam gedeutet. Entsprechend rigoros reagierten sie: Um dem Jugendlichen die vermeintlichen Flausen auszutreiben, wurde er mehrmals zu Boden geworfen. Und als Roberto Schwäche bei Drillübungen zeigte, zwang man ihn, einen knapp zehn Kilogramm schweren Sack über den Schultern zu tragen.

          Alarmierende Ergebnisse

          Eine Untersuchung des Falls ergab später, dass der Tod des Jugendlichen durch rechtzeitige ärztliche Behandlung womöglich hätte verhindert werden können. Die Eltern reichten daraufhin Klage gegen Betreiber und Mitarbeiter des „Thayer Learning Center“ ein. Gegen Zahlung von einer Million Dollar wurde der Rechtsstreit vor zwei Jahren beigelegt.

          Jones (r.) betritt am Donnerstag das Gericht von Panama City (Florida). Mehrere Erzieher eines Bootcamps sind angeklagt, den Tod ihres Sohnes Martin Lee Anderson beim Drill im Januar 2006 in Kauf genommen zu haben

          Der Fall Reyes ist einer von zehn Todesfällen in amerikanischen Bootcamps, die von der Bundesprüfbehörde „Government Accountability Office“ (GAO) untersucht wurden. Das geschah für eine vom amerikanischen Kongress in Auftrag gegebene Studie über Erziehungseinrichtungen, die durch hartes Vorgehen darauf zielen, aus straffälligen oder sozial auffälligen Jugendlichen anständige Mitglieder der Gesellschaft zu machen. Die alarmierenden Ergebnisse der Studie stellte der leitende Ermittler Gregory Kutz vor kurzem bei einer Anhörung im Kongress vor. Die Untersuchungen, die sich bis zurück ins Jahr 1990 erstreckten, hätten „Tausende Misshandlungsvorwürfe“ bis hin zu Todesfällen zutage gefördert.

          Opfer riskanter Erziehungsmaßnahmen

          Allein 2005 seien in 33 Bundesstaaten insgesamt 1619 Misshandlungsfälle durch Mitarbeiter von Bootcamps registriert worden. Doch sei es schwierig, so Kutz, einen genauen Überblick über Ausmaß und Qualität von Verfehlungen zu gewinnen. Denn manche Bundesstaaten verzichten darauf, privat betriebene Einrichtungen zu regulieren, und eine allgemeine Definition für Bootcamps, Wildnistherapieprogramme und sogenannte Akademien für Verhaltensänderung gebe es nicht.

          Zu den zehn beispielhaft untersuchten Todesfällen aus den Jahren 1990 bis 2004 heißt es, dass die jeweiligen Programmleiter ein erhebliches Maß an Mitschuld treffe: Die Jugendlichen hätten vielfach nicht genügend zu essen und zu trinken bekommen und seien Opfer riskanter Ertüchtigungs- und Erziehungsmaßnahmen inkompetenter Mitarbeiter geworden. In der Hälfte der untersuchten Todesfälle starben die Opfer, weil sie bei körperlicher Anstrengung im Freien zu großer Hitze ausgesetzt waren und nicht genügend Flüssigkeit zu sich nahmen.

          Um zu verhindern, dass sich derartige Tragödien wiederholen, wird im Kongress nun erwogen, Bootcamps und ähnliche Einrichtungen unter strengere staatliche Aufsicht zu stellen. Kutz meint, bis auf weiteres könne man Eltern nur raten, auf der Hut zu sein.

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