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Altes Kinderlied : Maikäfer, flieg!

  • -Aktualisiert am

Heile deutsche Welt: „Volksliederkarte“ des populären Malers Paul Hey (1867-1952), ohne Jahresangabe. Bild: akg-images

Die meisten von uns kennen es noch: das Maikäfer-Lied. Aber warum eigentlich? Warum ist diese alte Kinderweise noch nicht in Vergessenheit geraten? Unsere Autorin hat sich auf eine Spurensuche quer durch Deutschland gemacht.

          Maikäfer, flieg.
          Der Vater ist im Krieg.
          Die Mutter ist in Pommerland,
          Pommerland ist abgebrannt.
          Maikäfer, flieg.



          Seltsames Lied. Nichts passt zusammen: Hier die liebliche Wiegenlied-Melodie, da das nüchtern erzählte Grauen: Vater im Krieg. Mutter - wer weiß, wo. Alles weg und zerstört. Nur das Kind ist da - und singt. Um sich selbst zu trösten? Wie lange schon? Laut Umfragen des Allensbach-Instituts, zuletzt von 1999, kennen zwei von drei Deutschen das Maikäfer-Lied. Dabei ist der letzte Krieg auf deutschem Boden schon siebzig Jahre her, gerade gedenken wir der Jahrestage. Auch Maikäferschwärme sind selten geworden. So viele Kinderlieder geraten mit der Zeit in Vergessenheit. Dieses nicht. Warum?

          Wer heute in Dresden, Hamburg oder Berlin auf die Straße geht, abseits der Touristenströme, und Passanten fragt: „Kennen Sie das Maikäfer-Lied?“, bekommt nicht immer eine Antwort. Umfragen nerven. Aber erstaunlich viele Leute bleiben doch kurz stehen, überlegen. Von den über 50-Jährigen sagt sogar jeder Zweite spontan ja. Einige singen auch gleich auf offener Straße. Auch bei den Jüngeren - viel Kopfnicken, obwohl man hier öfter helfen, die erste Zeile ansingen muss, damit es klick macht. Manche Passanten wirken regelrecht überrascht, dass sie das Lied weitersingen können. Aber sie können es.

          Text und Melodie passen nicht zusammen

          Ein paar wenige erinnern sich auch noch, wer es ihnen beibrachte: die Oma, die es in der Küche sang. Das Kindermädchen. Richard, der Nachbarsjunge. Papa, beim Spaziergang durch das zerstörte Wuppertal. Oder einfach nur die Kinder auf der Straße, mit denen man einen Frühlingsabend lang Maikäfer in Schuhkartons sammelte. Nur beim Alter des Liedes - allgemeine Ratlosigkeit. Die meisten Passanten schätzen es auf etwa hundert Jahre, entstanden während des Ersten Weltkriegs - oder im Zweiten? Nur ein, zwei Leute holen weiter aus: „Aus’m Dreißichjährig’n Kriech, nich?“ fragt ein etwa vierzigjähriger Mann auf dem Berliner Winterfeldtmarkt.

          Als ich die renommierte Erinnerungsforscherin Aleida Assmann anrufe, frage, ob sie Lust habe, über das Maikäfer-Lied nachzudenken, sagt sie sofort zu. Das Lied interessiere sie, sagt sie, es enthalte ein Rätsel. Auch der Lyrikforscher Heinz Schlaffer aus Stuttgart ist interessiert. Er meldet sich auf meine E-Mail hin. Der Singsang, erklärt er, wende sich an einen Maikäfer. Ihm, dem Käfer, erzählt ein anonymes lyrisches Ich von der Abwesenheit beider Eltern. Es wird nicht klar, was genau mit den Eltern passiert ist. Ob sie zurückkehren, scheint mehr als fraglich. „Die Rolle der Sängerin oder des Sängers stellt man sich wohl am besten als die eines älteren Kindes vor, das ein jüngeres zu trösten sucht, nachdem beide Eltern verschollen sind. Beeindruckend die Trostlosigkeit im Trost - der hier völlig hoffnungslose Mai.“

          „Das Lied besitzt eine tiefe Paradoxie“, erklärt Assmann noch am Telefon: Die Melodie (die gleiche übrigens wie die bei „Schlaf, Kindlein, schlaf“) sei eine typische Wiegenlied-Melodie, sie soll beruhigen. Wie aber geht das zusammen mit dem Text des Maikäfer-Liedes - einer Erzählung über den Zustand der totalen Einsamkeit, einer Waisenkind-Geschichte? „Gar nicht!“, sagt Assmann. Der Widerspruch zwischen dem bedrohlichen Text und der lieblichen Melodie verursache beim Hörer eine tiefe Unruhe. Instinktiv spüre man: „Hier passt was nicht zusammen.“

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