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Altes Kinderlied : Maikäfer, flieg!

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Ein unsterbliches Lied

Kurz nach dem Telefonat mit Nehlsen schreibe ich eine E-Mail an Heinz Schlaffer, den Literaturwissenschaftler aus Stuttgart. Ich will wissen, was er von Nehlsens These hält, die auf Folgendes hinausläuft: Entweder hat das Maikäfer-Lied ursprünglich noch eine andere Strophe gehabt, nämlich: „Bet, Kinder, bet, / Morgen kommt der Schwed.“ Oder das Maikäfer-Lied ist eine Abwandlung des vielleicht nur unwesentlich älteren „Bet, Kinder, bet“-Verses. Dritte Möglichkeit: Beide Lieder sind eine Parodie des 1605 zum ersten Mal nachgewiesenen Wiegenliedes „Schlaf, Kindlein, schlaf“ - das ja auch ein ähnliches Versmaß aufweist und die gleiche Melodie wie das Maikäfer-Lied.

Doch noch während ich die E-Mail schreibe, bin ich mit den Gedanken schon woanders. Angenommen, das Maikäfer-Lied lässt sich tatsächlich zumindest indirekt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ableiten, dann wäre es fast 400 Jahre alt. Angenommen, dieses Lied ist deshalb in Erinnerung geblieben, weil es von einer kollektiven Niederlage erzählt, die universellen Urängste von Kindern anspricht und zusammen mit seiner lieblichen Melodie so verquer wirkt, dass, wer es einmal gehört hat, es kaum mehr vergessen kann: Wäre das Lied dann sozusagen unsterblich?

Bibliothekarin Book hatte gemeint, dass Lieder vor allem dann aus dem Repertoire verschwinden, wenn die Leute ihrer überdrüssig werden; oft entstehen zunächst Parodien - und schließlich verschwinden die Lieder ganz. Vielleicht, hatte mir Book gesagt, wäre es dem Maikäfer-Lied ähnlich ergangen, wenn sich der Liedtext nicht durch die beiden letzten Weltkriege so anschaulich aktualisiert hätte.

Universell einsetzbar

Bleibt die Frage: Braucht es einen neuen Krieg, damit das Maikäfer-Lied lebendig bleibt? Oder hat Bazon Brock recht mit seiner Ansicht, dass das Maikäfer-Lied Kinder zu allen Zeiten ansprechen wird, egal wie die Welt um sie herum gestrickt ist? Bei meinen Umfragen war den Jüngeren, den unter 30-Jährigen, das Maikäfer-Lied kaum noch bekannt. Und die meisten älteren Passanten gaben an, dass sie es ihren Enkeln auch gar nicht vorsingen würden, schon aus Rücksicht auf die heute so besorgten Eltern, die das Lied zu brutal für Kinder finden.

„Schade“, sagt Hartmut Fladt, Musikwissenschaftler in Berlin. „Dabei können gerade Kinder - wie im Märchen, das mit den Worten ,Es war einmal‘ beginnt - mühelos in Zeiten eintauchen, die weit vor ihrer Geburt liegen.“ Ob er einen Tipp habe, ab welchem Alter man dieses Lied Kindern denn vorsingen könne?

Fladt überlegt: „Ab vier oder fünf Jahren, je nach Kind. Und je älter es wird und je mehr es die Möglichkeit hat, seine eigenen Erfahrungen auch auf das Lied zu projizieren, desto mehr wird es merken, was da alles drinsteckt: dass man also in zwei Zeilen eine ganze Welt aufgefaltet bekommt.“ Deutschland sei heute schließlich voll von Flüchtlingen, die all das erlebt hätten, wovon im Maikäfer-Lied die Rede sei. „Das ist nicht so weit weg, wie wir denken.“

Am Anfang stand die Katastrophe

70 Jahre Frieden in Deutschland. Und immer noch dieses Lied. Ich verstehe inzwischen besser, warum es niemandem, den ich fragte, gleichgültig war. Es erzählt etwas über uns. Eine Geschichte oder, wie der Wiener Psychoanalytiker Bruno Bettelheim vielleicht gesagt hätte, ein „wahres“ Märchen: Am Anfang steht die Katastrophe - Mutter fort, Vater fort. Wie bei Sterntaler, Schneewittchen oder Aschenputtel ist das Kind am Beginn vollkommen schutzlos, muss sich behaupten, seine Widersacher bezwingen. Das Märchen - eine Form der Bewältigung kindlicher Schrecken.

„Nur, im Maikäfer-Lied ist die Bewältigung ja gar nicht drin, oder?“, hatte mich Alleida Assmann gefragt. Vielleicht doch, denke ich heute: Wer einen Maikäfer vom Finger fliegen lassen kann, ist womöglich noch nicht ganz fertig mit dem Leben.

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