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Altes Kinderlied : Maikäfer, flieg!

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Brock hat sich in Fahrt geredet, er verweist auf die vielen Schlachten, die sich in den letzten 500 Jahren, angefangen von den Bauernaufständen 1525 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945, auf deutschem Boden ereigneten. Gemetzel folgte auf Gemetzel, eine scheinbar unendliche Folge von Gewalt und Verderben, unterbrochen von kurzen Atempausen. Nun ja, sagt Brock, und kommt zurück auf das Maikäfer-Lied: „Es war vielleicht - ohne dass die, die es sangen, es eigentlich wussten - so was wie ein Existenzial. Wenn man dieses Lied sang, wusste man übers Leben Bescheid.“

Lieder eignen sich besonders gut für die Überlieferung

Wieder einmal habe ich das Gefühl, alles ist gesagt. Das Maikäfer-Lied ist mindestens 215 Jahre alt, und weitergegeben wird es, weil es auf besonders drastische Weise die Urängste von Kindern thematisiert und vom Schrecken eines Krieges erzählt, der symbolhaft für die Schrecken aller Kriege zu allen Zeiten steht. Reicht das?

Es ist Frühling, als ich die Erinnerungsforscherin Aleida Assmann endlich am Rande einer Tagung in Berlin treffen kann. Sie erklärt mir, dass Lieder - im Gegensatz etwa zu Prosatexten - generell gut erinnert werden. Einfach deshalb, weil sie gereimt sind, Rhythmus haben und eine Melodie. Beim Maikäfer-Lied aber komme noch eine Besonderheit hinzu: der Widerspruch zwischen Liedinhalt und Melodie: „Das Paradoxe an dem Lied“, sagt Assmann, „ist ja, dass es auf der einen Seite diese Wunde im Mittelpunkt hat, dieses Trauma der Einsamkeit und Gottverlassenheit, und auf der anderen diese beruhigende Melodie, die einen Rhythmus hat, also das Einschläfernde, Ausgleichende und Zur-Ruhe-Bringende. Und wie kann man diese Unruhe, die da im Zentrum dieses Liedes steht, besänftigen? Kann man gar nicht! Das bricht völlig auseinander! Und das führt dazu, dass man dieses Lied zwar singt, sich aber nicht wirklich diesen Bildern stellt. Was aber bleibt, ist dieser Unruhefaktor. Und das ist nun auch wiederum eine andere Quelle der Memorierbarkeit: Man kann dieses Lied nicht vergessen, weil man es nicht wirklich verarbeitet hat.“

Ein Lied ähnelt dem Maikäfer-Lied

Nur der Vollständigkeit halber suche ich nun doch noch nach Eberhard Nehlsen, einem Liedflugschrift-Forscher aus Oldenburg, den mir Historiker Medick empfohlen hatte. Im Internet finde ich eine Telefonnummer. Anruf bei Nehlsen:

„Guten Tag, Herr Nehlsen. Darf ich Sie grad mal einen Moment stören?“

„Ja, worum geht es denn?“

Ich erkläre es ihm und frage, wie viel Lieddrucke es zwischen 1500 und 1650 wohl in etwa gegeben hat. Nehlsen erklärt: „Also, nach 20 Jahren Suchen und Verzeichnen kann ich sagen: Etwa 7000 werden noch überliefert sein“ - von der Masse, die es gegeben haben muss. Und das Maikäfer-Lied? Nelson bedauert: „Solche Kinderlieder leben ja heute auch noch hauptsächlich von der mündlichen Überlieferung. So was wurde nicht gedruckt.“

Aber, so fügt er hinzu, er arbeite gerade an einem Buch, das alle Liedflugschriften aus dem Dreißigjährigen Krieg versammeln soll; etwa 700 seien es wohl insgesamt. Und unter diesen sei auch ein Kinderlied, das dem Maikäfer-Lied sehr ähnlich ist: „Bet, Kinder, bet, / Morgen kommt der Schwed’. . .“ Nehlsen: „Na ja, diese besondere Strophenform, dieses Versmaß, das ist schon einmalig. Alle anderen Lieder aus dem Dreißigjährigen Krieg haben viel längere Liedzeilen und mindestens sechs, wenn nicht sogar zwanzig Strophen. Und beides sind ja auch Kinderlieder, und beide handeln vom Krieg.“

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