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Altes Kinderlied : Maikäfer, flieg!

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Book schüttelt den Kopf. „So was lernen Kinder häufig von anderen Kindern.“ Hier gehe es ja auch um eine Art „Angstlust“, eine Lust, die man auch erlebe, wenn man spiele: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? - Niemand! - Und wenn er kommt? - Dann laufen wir!“ Dieses Durchspielen des Gegriffenwerdens, obwohl man ja eigentlich nicht gefangen werden will, übe auf Kinder eine hohe Faszination aus, weil sie trotz allen Ungemachs eben selbst erfahren wollen, wie sich das anfühlt und ob man da unbeschädigt durchkommt, vielleicht gerade weil sie noch so klein sind und in der Regel darauf angewiesen, beschützt zu werden.

Symbol einer kollektiven Niederlage

Doch seien das Dunkle und Bedrohliche, seien etwa Hunger und Tod heute in vielen Kinderliederbüchern nicht mehr existent. Das Rohe, Schmerzliche und Brutale sei ebenso wie das allzu Frivole und sexuell Anzügliche schon mit den ersten systematischen Liedersammlungen wie „Des Knaben Wunderhorn“ nach und nach aus dem Volksrepertoire verschwunden; den Rest erledigte die Pädagogik der Volksschulen, die nur „Erbauliches“ ins Klassenzimmer ließ.

Über den Krieg finden sich indes in den Freiburger Archiven viele Lieder. Außer dem Maikäfer-Lied ist von ihnen aber heute kaum noch eines verbreitet. Hatte Bazon Brock recht, als er mir in Berlin erzählte, dass das Bewusstsein weniger durch Triumphe als durch Niederlagen geprägt wird? Triumphe, etwa der Sieg über Frankreich 1871, spielen laut Brock im kollektiven Bewusstsein der Deutschen kaum eine Rolle. Den vernichtenden Niederlagen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg komme dagegen eine enorme Bedeutung zu. Das Maikäfer-Lied nun stehe symbolhaft für eine kollektive Niederlage - das Grauen des Krieges schlechthin, den größtmöglichen Verlust an Heimat, Familie, Schutz und Vertrautheit. Eine allumfassende Katastrophe, in der ausgerechnet das schwächste Glied einer Familie - das Kind - allein zurückbleibt. Eine Erzählung, die deshalb besonders stark auf Kinder wirke.

Kindliches Verlangen nach Frieden kommt zum Ausdruck

Zweiter Anruf bei Brock:

„Herr Brock, für die Kinder geht es hier also Ihrer Meinung nach nicht nur um das lustvolle Durchspielen irgendwelcher Ängste?“

Brock: „Alle Kinder erfahren etwas Gleiches über die Pfütze, in die man treten kann, über die Käfer, mit denen man spielen kann. Die kindliche Welt ist mehr oder weniger für alle Kinder gleich. Und daher ist auch so ein Lied ohne weiteres als Grunderfahrung mitteilsam. Denn jedes Kind hat eine primäre Angst, von den Eltern getrennt zu werden oder dass die Eltern sich selbst trennen, denn es heißt ja, wenn die Eltern es nicht einmal fertigbringen, miteinander in Frieden zu leben, gibt es für das Kind gar keine Aussicht darauf, dass Menschen überhaupt in Frieden leben können. Kinder sind aber absolut angewiesen auf Friedfertigkeit, auf Beständigkeit. Die Welt darf nicht alle Tage verändert werden. Und in diesem Lied - das sind Urängste ebendieser früheren Vergewisserungen an der Konstanz der Welt, die das Kind ergreifen.“

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