https://www.faz.net/-gum-81u19

Altes Kinderlied : Maikäfer, flieg!

  • -Aktualisiert am

Book schüttelt den Kopf. „So was lernen Kinder häufig von anderen Kindern.“ Hier gehe es ja auch um eine Art „Angstlust“, eine Lust, die man auch erlebe, wenn man spiele: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? - Niemand! - Und wenn er kommt? - Dann laufen wir!“ Dieses Durchspielen des Gegriffenwerdens, obwohl man ja eigentlich nicht gefangen werden will, übe auf Kinder eine hohe Faszination aus, weil sie trotz allen Ungemachs eben selbst erfahren wollen, wie sich das anfühlt und ob man da unbeschädigt durchkommt, vielleicht gerade weil sie noch so klein sind und in der Regel darauf angewiesen, beschützt zu werden.

Symbol einer kollektiven Niederlage

Doch seien das Dunkle und Bedrohliche, seien etwa Hunger und Tod heute in vielen Kinderliederbüchern nicht mehr existent. Das Rohe, Schmerzliche und Brutale sei ebenso wie das allzu Frivole und sexuell Anzügliche schon mit den ersten systematischen Liedersammlungen wie „Des Knaben Wunderhorn“ nach und nach aus dem Volksrepertoire verschwunden; den Rest erledigte die Pädagogik der Volksschulen, die nur „Erbauliches“ ins Klassenzimmer ließ.

Über den Krieg finden sich indes in den Freiburger Archiven viele Lieder. Außer dem Maikäfer-Lied ist von ihnen aber heute kaum noch eines verbreitet. Hatte Bazon Brock recht, als er mir in Berlin erzählte, dass das Bewusstsein weniger durch Triumphe als durch Niederlagen geprägt wird? Triumphe, etwa der Sieg über Frankreich 1871, spielen laut Brock im kollektiven Bewusstsein der Deutschen kaum eine Rolle. Den vernichtenden Niederlagen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg komme dagegen eine enorme Bedeutung zu. Das Maikäfer-Lied nun stehe symbolhaft für eine kollektive Niederlage - das Grauen des Krieges schlechthin, den größtmöglichen Verlust an Heimat, Familie, Schutz und Vertrautheit. Eine allumfassende Katastrophe, in der ausgerechnet das schwächste Glied einer Familie - das Kind - allein zurückbleibt. Eine Erzählung, die deshalb besonders stark auf Kinder wirke.

Kindliches Verlangen nach Frieden kommt zum Ausdruck

Zweiter Anruf bei Brock:

„Herr Brock, für die Kinder geht es hier also Ihrer Meinung nach nicht nur um das lustvolle Durchspielen irgendwelcher Ängste?“

Brock: „Alle Kinder erfahren etwas Gleiches über die Pfütze, in die man treten kann, über die Käfer, mit denen man spielen kann. Die kindliche Welt ist mehr oder weniger für alle Kinder gleich. Und daher ist auch so ein Lied ohne weiteres als Grunderfahrung mitteilsam. Denn jedes Kind hat eine primäre Angst, von den Eltern getrennt zu werden oder dass die Eltern sich selbst trennen, denn es heißt ja, wenn die Eltern es nicht einmal fertigbringen, miteinander in Frieden zu leben, gibt es für das Kind gar keine Aussicht darauf, dass Menschen überhaupt in Frieden leben können. Kinder sind aber absolut angewiesen auf Friedfertigkeit, auf Beständigkeit. Die Welt darf nicht alle Tage verändert werden. Und in diesem Lied - das sind Urängste ebendieser früheren Vergewisserungen an der Konstanz der Welt, die das Kind ergreifen.“

Weitere Themen

In der Stadt der Zwillinge Video-Seite öffnen

Alles doppelt : In der Stadt der Zwillinge

Im nigerianischen Igbo-Ora gibt es landesweit die meisten Zwillinge. Die Stadt hat sich deshalb zur Hauptstadt der Zwillinge ernannt und feiert deshalb bereits zum zweiten Mal das „World Twins Festival“.

Topmeldungen

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) spricht in Niedersachsen.

Wegen Angriff auf Syrien : VW-Werk in der Türkei steht vor dem Aus

Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil sieht wegen der türkischen Invasion keine Grundlage mehr für die geplante Milliardeninvestition. Das sei ein „Schlag ins Gesicht von Menschenrechten“.
Luisa Neubauer: Die „Fridays for Future“-Bewegung wird medial vor allem von jungen Frauen repräsentiert.

Shell-Jugendstudie : Es ist der Klimawandel, Dummkopf!

„Eine Generation meldet sich zu Wort“: So heißt die 18. Shell-Jugendstudie. Eine neue Entwicklung stellten die Autoren nicht nur bei Themen fest, die Jugendlichen Sorgen bereiten – sondern auch bei den Geschlechterrollen.
Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton Ende September in Washington D.C.

Wegen Ukraine-Affäre : Bolton wollte Giulianis Vorgehen überprüfen

Die Ukraine-Affäre zieht immer weitere Kreise. Medienberichten zufolge soll Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton über das Vorgehen Rudy Giulianis so beunruhigt gewesen sein, dass er einen Anwalt einschalten wollte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.