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Altes Kinderlied : Maikäfer, flieg!

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Außerdem, erklärt Medick, während er Striche und Pfeile auf die Rückseite seiner handgeschriebenen Notizen malt, fanden die größten Verwüstungen und Zerstörungen des Krieges doch eher in Mittel- und in Süddeutschland statt, nicht in Pommern. Er reicht mir das Papier herüber, die „berühmte Zerstörungsdiagonale des Dreißigjährigen Krieges“ - von links unten (Schwaben) bis nach rechts oben (Ostpreußen). Außerdem habe es die Trennung von Zivilbevölkerung und Soldaten in den Armeen des Dreißigjährigen Krieges noch gar nicht gegeben; vielmehr folgten die Familien damals dem Heer im so genannten Tross, „und oft war dieser Tross mit Familienangehörigen, Gauklern und Prostituierten - quasi mobilen Städten - größer als die Armee selbst“.

Warum kennen so viele Menschen noch dieses Lied?

Ob er vielleicht eine Idee hat, welche Ereignisse das Lied denn vielleicht besser beschreiben würde? Medick hat: Die typische Situation, dass der Vater allein im Krieg ist und die Familie zurückbleibt, finde sich in Pommern im sogenannten Siebenjährigen Krieg, 1756 von Preußen begonnen. „Ein Weltenbrand“, sagt Medick, in den sämtliche europäischen Großmächte verwickelt waren und der Pommern regelrecht verwüstete.

Hier stimmten die Situationsbeschreibungen von Lied und alltäglicher Kriegswirklichkeit überein: Zwangsrekrutierung der männlichen Bevölkerung und ein der Zerstörung preisgegebenes Land mit schutzlos zurückbleibenden Familien. Zum Abschied drückt mir Medick noch einen seiner Zettel in die Hand - die Abschrift eines Kinderliedes, das schon um 1650 in gedruckter Fassung existierte und das ganz sicher aus dem Dreißigjährigen Krieg stamme: „Bet, Kinder, bet, / Morgen kommt der Schwed’, / Morgen kommt der Ochsenstern, / Der wird die Kinder beten lehren. / Bet, Kinder, bet.“ Das Wort „Ochsenstern“ beziehe sich eindeutig auf den schwedischen Reichskanzler Axel Oxenstierna - den Nachfolger Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg, Oberkommandierender der Schwedischen Truppen und „Schreckfigur“ für die Kinder.

Allerdings ist meine wichtigste Frage jetzt noch immer unbeantwortet: Warum kennen heute noch so viele Menschen dieses mehr als 215 Jahre alte Kriegskinderlied?

Kein Einschlaflied, sondern ein musisches Spiel mit der Angst

Ich reise nach Weimar. Dort wartet Barbara Book, Bibliothekarin im Ruhestand. Book nimmt an einem Kongress teil und will anschließend gleich wieder zurück nach Freiburg. Dort wohnt sie, dort hat sie ihr halbes Leben lang in der Bibliothek des Deutschen Volksliedarchivs gearbeitet.

Mehr als 300.000 Belege von Volksliedern liegen hier. Auch zum Maikäfer-Lied existieren Verzeichnisse und Notizen. Book hat Kopien von Fachbüchern mitgebracht, die zeigen, dass es früher neben der Variante „Pommerland ist abgebrannt“ auch noch andere Versionen des Liedes gab: So sang man in Hessen statt „Pommerland“ auch „Pulverland“, in Thüringen „Engelland“, anderswo: „Holderland ist abgebrannt“. Irgendwann hat sich die Pommerland-Version durchgesetzt - und erhalten. Ich will wissen, warum. Ob sich Book vorstellen kann, dass eine Mutter so ein Lied ihren Kindern zum Einschlafen vorsingt?

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