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Altes Kinderlied : Maikäfer, flieg!

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Jedes Kind in Pommern kannte dieses Lied

„Na, selbstverständlich!“, donnert Bazon Brock ins Telefon hinein. Wann und wo denn das Interview stattfinden solle? Der prominente Kunsttheoretiker, 1936 in Stolp, Pommern, geboren, schlägt sein Büro in Berlin-Kreuzberg für ein Treffen vor, wo er bei einer Kanne Tee und weit geöffnetem Fenster ohne Umschweife zur Sache kommt: „Die Zeit der schwedischen Besetzung im Dreißigjährigen Krieg ist in Pommern ja allgegenwärtig gewesen.“

Zwanzig Minuten lang haut mir Brock die historischen Eckdaten des Krieges um die Ohren, bevor er endlich zu seiner These kommt, nämlich, dass das Maikäfer-Lied ein Stück deutscher Kulturgeschichte ist, das „allumfänglich die historische Erfahrung der Menschen in Deutschland“ in sich trage. Pause. Ein paar Sekunden lang herrscht Schweigen.

In die Stille hinein zwitschern ein paar Amseln. Brock reibt sich das Kinn. Die eigentliche Überzeugung aber, dass das Maikäfer-Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg stamme und von ganz realen Ereignissen in der pommerschen Geschichte handle, sagt er schließlich, habe sich ihm jedoch schon viel früher vermittelt, als Kind in Pommern in den Liedern und Erzählungen der Erwachsenen: „Also, das Erste, was man innerlich gehört hat, war nicht irgendein Märchen, sondern es war dieses Lied: ,Maikäfer, flieg‘. Jedes Kind, das in Pommern aufgewachsen ist, hat das von der Wiege an mitgekriegt. Und deswegen war dieses Lied eben wirklich so was wie die kulturelle Hymne der Pommern.“

In Liedflugschriften wird das Maikäfer-Lied nicht genannt

„Kann ja sein“, sagt der Göttinger Historiker Hans Medick und wiegt zweifelnd seinen Kopf. Schon vor Wochen hatte ich Medick, Spezialist auf dem Gebiet des Dreißigjährigen Krieges, um seine Meinung zum Maikäfer-Lied gebeten. Wir treffen uns schließlich an der Freien Universität Berlin. Ähnlich wie Brock, der das Lied einst in Pommern von seinem Kindermädchen Lieschen Kunkel lernte, kann sich auch Medick noch genau an die Situation erinnern, in der er es zum ersten Mal bewusst hörte: als Vierjähriger an der Hand seines Vaters bei einem Spaziergang durch das von Bomben zerstörte Wuppertal. Mit den Überzeugungen und gefühlten Gewissheiten des Kunsttheoretikers kann der Historiker allerdings wenig anfangen. Das Lied, erklärt Medick, lasse sich nun einmal nicht so einfach auf den Dreißigjährigen Krieg zurückführen. Mehrere Gründe sprächen dagegen.

Der wichtigste: Viele Lieder des Dreißigjährigen Krieges seien damals in sogenannten Liedflugschriften veröffentlicht worden - vier bis acht meist lose gebundene Blätter mit Liedtexten, welche die Leute für wenig Geld kauften, vielerorts sammelten und zu eigenen Liedbibliotheken zusammenstellten. Singen, sagt Medick, war mal schwer in Mode. Wäre das Maikäfer-Lied wirklich aus dem Dreißigjährigen Krieg, hätte man es dann nicht auch in so einer Flugschrift finden müssen?

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