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September 2001 : September 2001

  • Aktualisiert am

Nicht im Höhlenlabyrinth von Tora Bora im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan, wo man ihn jahrelang vermutet hatte, sondern in einer aufgeräumten pakistanischen Pensionistenstadt ereilte ihn sein Schicksal.

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          Nicht im Höhlenlabyrinth von Tora Bora im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan, wo man ihn jahrelang vermutet hatte, sondern in einer aufgeräumten pakistanischen Pensionistenstadt ereilte ihn sein Schicksal. Den Namen des Ortes Abbottabad, wo vornehmlich Offiziere im Ruhestand residieren, hatte bis dahin kaum jemand gehört. Am 2. Mai 2011 frühmorgens stürmte ein mit Hubschraubern eingeflogenes Spezialkommando der amerikanischen Streitkräfte einen villenartigen, mauerbewehrten Komplex, drang in das Innere der Wohnräume ein und erschoss im zweiten Stock Usama Bin Ladin, den am meisten gesuchten Terroristen der Erde. Mit ihm starben im Kugelhagel ein Sohn und vier weitere Personen; siebzehn Personen wurden gefesselt zurückgelassen. Die gesamte Aktion, bei der ein Hubschrauber abstürzte, dauerte vierzig Minuten. Die Amerikaner erlitten keine Verluste.

          Als Präsident Obama den Erfolg vermeldete, war ihm die Erleichterung anzumerken. In Washington und New York feierten vor allem junge Leute spontan: Der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, als zwei Flugzeuge in das World Trade Center gelenkt wurden, eines das Pentagon in Washington angriff und eines abstürzte, bevor es ein ebenso wichtiges Ziel attackieren konnte, dazu der Inspirator, Geldgeber und Organisator zahlloser anderer Terroranschläge und Mitbegründer von Al Qaida, war zur Strecke gebracht worden. Die schlimmste Attacke auf amerikanischem Boden seit Menschengedenken war vergolten. In Amerika hatten durch den Angriff vor zehn Jahren rund dreitausend Menschen das Leben verloren. Hinzu kamen die zahlreichen Toten bei Terroranschlägen zuvor und danach in vielen Teilen der Welt. Al Qaida und seine Sympathisanten entfesselten in Madrid (2004) und London (2005), in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten und in Indonesien eine Welle der Gewalt. Insgesamt sind bis heute durch die von Al Qaida ausgehende Gewalt Zigtausende getötet worden, weitaus mehr Muslime als Nichtmuslime. Die meisten kamen während des seit 2003 von Präsident Bush und von Premierminister Blair geführten Irakkrieges ums Leben, den die Terroristen von Al Qaida zu ihren Gunsten nutzen wollten: zur Errichtung eines islamischen Emirats im Irak, das als Keimzelle für ein Kalifat auf der gesamten Arabischen Halbinsel dienen sollte. Schiiten reagierten erfreut auf die Todesnachricht aus Abbottabad, denn sie hatten am meisten unter Anschlägen zu leiden.

          Auch in Europa wurde Genugtuung geäußert, Bundeskanzlerin Merkel sprach sogar davon, sie freue sich über den Tod Bin Ladins. Zwar gab es auch Kritik: Die Amerikaner hätten Bin Ladin festnehmen und einem ordentlichen Gericht überstellen müssen. Doch es überwog die Befriedigung darüber, dass ein Jahrhundertverbrechen gesühnt sei. Unangenehmen Fragen sah sich vor allem die Regierung in Islamabad ausgesetzt. War es möglich, dass niemand in Pakistan von Bin Ladins Aufenthalt in Abbottabad wusste? Die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu ihrem langjährigen Verbündeten im Antiterrorkampf sind schlechter denn je.

          Eigentlich war sofort klar, dass der "11. September" eine welthistorische Zäsur markierte. Amerika stürzte noch 2001 die Taliban-Regierung in Afghanistan; erstmals trat Deutschland, das auch politisch maßgeblich an einer Neuordnung am Hindukusch mitwirkte, im Rahmen eines UN-Mandats zusammen mit rund vierzig anderen Ländern in einen Krieg im fernen Asien ein. Die Virulenz des "Clash of civilizations" (Samuel Huntington), von vielen geleugnet, war sichtbar geworden. Offenbar trug zumindest ein Teil der islamischen Welt einen solchen Hass auf den Westen, insbesondere auf die Vereinigten Staaten, aber auch auf deren Verbündete in der islamischen Welt, in sich, dass sie diesen offen den Krieg erklärte. Kurz nach den Anschlägen dozierte Bin Ladin in einer Videobotschaft: "Der Mythos vom großen Amerika ist eingestürzt. Der Mythos der Demokratie ist eingestürzt. Die Menschen haben begriffen, dass die Werte Amerikas falsch sind. Der Mythos vom Land der Freiheit ist zerfallen. Der Mythos von der nationalen Sicherheit Amerikas ist zerfallen. Der Mythos von der CIA ist zerfallen, Gott sei gedankt dafür!" Schon lange vor den Anschlägen auf die Twin Towers war Usama Bin Ladin das Idol der Kreise, die so dachten, und einer ihrer wichtigsten ideologischen Stichwortgeber.

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