https://www.faz.net/-gum-yrei

Alkoholkonsum in der DDR : Ein Schluck Ernüchterung

  • -Aktualisiert am

Dr. Thomas Kochan hat sich einen Traum erfüllt: Ein eigener Schnapsladen in Berlin Bild: Julia Zimmermann

Der Berliner Schnapsladen-Besitzer Dr. Thomas Kochan widerlegt die schönsten Legenden über das Saufen in der DDR. „Naiv und unbeschwert“ hätten sich die Ostdeutschen dem Alkohol genähert - man trank den „Blauen Würger“ oder den „laschen Nazi“.

          3 Min.

          Thomas Kochan ist ein Achtundsechziger. Allzu viel eigene Anschauung seines Promotionsthemas kann er also bis zum Mauerfall gar nicht genossen haben. Der 43 Jahre alte Ethnologe und Historiker wuchs in Cottbus auf, arbeitete am Bonner Haus der Geschichte und an der Berliner Humboldt-Universität. Jetzt stellte er seine von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur geförderte Dissertation vor - und zwar in dem Laden, den er nach dem Rigorosum eröffnet hat.

          In „Dr. Kochans Schnapskultur“, einem Ladengeschäft in der idyllischen Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg, stehen die Antwort und das Gegenteil seines wissenschaftlichen Gegenstands in den Regalen, also nicht Korn und Brantwein, sondern Tresterbrände und Obstwässer von kleinen Erzeugern. Aus seiner Dissertation ist ein bebildertes Taschenbuch im Aufbau-Verlag geworden: „Blauer Würger. So trank die DDR“. Kochans Arbeit ist ein Beispiel dafür, wie man sich durch Recherche die schönsten Überzeugungen kaputtmachen kann. Denn wurde in der DDR nicht unheimlich viel gesoffen, vornehmlich Schnaps? Tranken die Leute nicht, um die Tristesse des real existierenden Sozialismus hinter sich zu lassen? Ermutigte sie das Regime nicht auch noch dazu, um sie stillzuhalten? Und war die Alkoholsucht nicht weiter als im Westen verbreitet, wurde jedoch tabuisiert?

          Nein, nein, nein - bis auf die Sache mit dem Schnaps. Das weiß man schon nach wenigen Stunden in Dr. Kochans Laden. Kochan nutzte unter anderem die Archive von Partei und Stasi, „Konsum“ und Diakonischem Werk, Militär und Rundfunk. Er führte Interviews mit Marktforschern, Funktionären, dem Direktor einer Spirituosenfabrik. Aber nichts könnte belegen, dass, wie die ostdeutsche Autorin Jutta Voigt behauptete, in der DDR „dreimal so viel wie im Westen“ getrunken wurde.

          „Fortschritt ist gleich Sozialismus ist ungleich Alkohol“

          Wenn es nach Ulbricht gegangen wäre, dann wäre die DDR ein Abstinenzlerstaat geworden: „Fortschritt ist gleich Sozialismus ist ungleich Alkohol“. Ulbricht trank nicht. Er wünschte sich Städte „ohne K“, ohne Kirchen und Kneipen. Vom Kneipenleben hielt die sittenstrenge SED nichts. Propagiert wurde stattdessen „das kulturvolle Glas Wein“, wobei allerdings guter Wein schwer aufzutreiben war. Leicht zu erzeugen war dagegen Schnaps - Kartoffeln, Getreide und Zuckerrüben gediehen auf dem Territorium der DDR. Der Schnapsgenuss war in Ostelbien auch traditionell verwurzelt. Nicht zuletzt sprach gegen eine allzu effiziente Anti-Alkohol-Politik, dass sich mit Schnaps sichere Gewinne erzielen ließen, was nur wenigen Branchen der DDR-Wirtschaft gelang.

          Im Jahr 1987 wurden die DDR-Bürger Weltmeister des Schnapskonsums. 1988 schluckten sie 16,1 Liter Spirituosen. Kaum aber war die DDR vorbei, war auch die Liebe zum Schnaps erloschen. 2002 lagen die Ost- und Westdeutschen bei 5,9 Litern Schnapskonsum im Jahr. Was den Verbrauch reinen Alkohols angeht, waren die Ostler schon 1988 zurückhaltender als die Westler - mit elf statt 11,8 Litern. Den Ungläubigen - wahrscheinlich Weintrinkern, die aus Eigeninteresse einschlägigen Illusionen anhängen - rechnet Kochan vor: Was den Alkoholgehalt angeht, so können statt eines Glases Wein drei Schnäpse genossen werden. Dämonisiert aber wird - im Westen - der Schnaps.

          Vom „Blauen Würger“ und „laschen Nazi“

          Richtig gesoffen, schränkt Kochan seine ernüchternden Erkenntnisse ein, tatsächlich gesoffen, um der Tristesse zu entfliehen, wurde bei der Armee. Sonst meint der „Missionar für gute Getränke“, dass die Idee, bestimmte Leute tränken, um zu vergessen, alt und unbewiesen sei. Das wurde den Indianern unterstellt, Friedrich Engels nahm es von den Arbeitern in den industrialisierten Ländern an. Gegen die Bestimmungen wurde in der DDR in den Betrieben getrunken, zu allen möglichen Anlässen: „Unter Gleichen, in einer Kollektivgesellschaft“, so Kochan, „trinkt es sich unbeschwerter als in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft.“ Das Verhältnis zum Alkohol in der DDR sei „naiv und unbeschwert“ gewesen, die Leute hätten getrunken, „wie gemeinhin gegessen wird“, ohne Gedanken an die dunkle Seite. Kosenamen für Schnapssorten waren gang und gäbe. Der gefährlich klingende „Blaue Würger“ war der Wodka Kristall mit blauem Etikett, der harmlos daherkommende „Milde Braune“ wurde zum „laschen Nazi“ verballhornt. Eine besonders hilfreiche Frau vom Archiv, sagt Kochan, habe ihm erzählt, in der DDR habe sie „wie ein Tiger gesoffen“.

          Mehr Alkoholkranke als im Westen gab es laut Kochan in der DDR nicht, auch wenn das selbst aus Oppositionskreisen behauptet wurde. Doch wegen des speziellen Verhältnisses zwischen Staat und Alkohol geschah Alkoholpolitik „von unten“: Engagierte Mediziner sorgten gegen die Tatenlosigkeit der Politik für die Betreuung Suchtkranker: „unkoordiniert, dezentral, von der Basis ausgehend“.

          Weitere Themen

          Die Pandemie im Überblick

          Zahlen zum Coronavirus : Die Pandemie im Überblick

          Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verändern sich dauernd. In welche Länder man reisen darf und wie sich die Infektionszahlen in Deutschland und der Welt entwickeln – unsere Karten und Diagramme geben einen Überblick.

          Topmeldungen

          „Die Milliardenvermögen dieser Welt beruhen doch auch auf Enteignung“, sagt Janine Wissler.

          Janine Wissler : Die sozialistische Versuchung

          Janine Wissler soll künftig „Die Linke“ führen. Sogar ihre politischen Gegner loben ihr Talent. Da könnte man fast vergessen, dass sie den Umsturz will.
          Vorher-Nachher-Bilder auf Instagram sollen zeigen, dass es nur aufs richtige Posieren ankommt.

          „Same body, different pose“ : Dieser Trend ist kein Empowerment!

          Frauen posten Fotos von sich in zwei verschiedenen Posen, um zu illustrieren, dass alle Körper „normschön“ sein können, wenn man sie nur richtig fotografiert. Das bewirkt viel, aber sicher kein Empowerment.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.