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Alessandra Facchinetti für Tod’s : Sie schneidert an Italiens Zukunft

Viele Engagements, viele Enttäuschungen: Wer da noch bei der Mode bleibt, scheint schlicht dafür geschaffen. Bild: Daniel Pilar

Alessandra Facchinetti entwirft für Tod’s Kleider, die zu flachen Schuhen passen. Die Frau, die schon MiuMiu, Valentino, Gucci und Moncler von innen gesehen hat, arbeitet heute an der modischen Zukunft ihres Landes.

          6 Min.

          Welches Jahr haben wir noch gleich? Welches Jahrzehnt? In der Latteria San Marco an der Via San Marco im Norden von Mailand scheint Zeit keine Rolle zu spielen. Von innen hindern weiße Gardinen an der Sicht nach draußen. Von draußen kann man nicht hineinschauen. In der Latteria San Marco ticken die Uhren anders, wenn überhaupt. Auf jeden Fall gehen sie langsamer. Die Pfannen hängen an den Wänden, und auf den Tellern servieren die Kellner traditionelle Hausmannskost wie vor 40 Jahren, Hackbraten mit Gemüse, Zucchini-Suppe, Zitronen-Pasta. Im San Marco zeigt sich das Italien der Vergangenheit von seiner besten Seite, so dass man wirklich keinen Grund erkennen kann, daran herumzumodernisieren. Das Essen ist gut. Warum sollte man es also ändern?

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Oder, jenseits des von Gardinen verhangenen Restaurants: die Vornamen des Landes. Sie passen doch aus ge zeichnet. Warum sollen nach den Omas, die schon Francesca, Giulia und Chiara hießen, nach den jungen italienischen Müttern mit diesen Namen, nicht auch deren Kleinkinder auf Francesca, Giulia und Chiara hören?

          Oder die italienische Mode. Jahrzehntelang wurde sie vor allem von derselben Handvoll Familien regiert, den Fendis, den Ferragamos, den Missonis, den Etros. Sie kümmern sich auch weiterhin um das Erscheinungsbild der Einwohner, und dennoch: Wenigstens der Stil der Italienerin ändert sich gerade. „Früher waren Italienerinnen selbst bei Tag super-elegant gekleidet“, sagt Alessandra Facchinetti, seit vergangenem Jahr Creative Director der Tod’s Women’s Collection. „Jetzt geht es immer mehr um eine ‚Welt- Garderobe’.“

          Alessandra Facchinetti schneidert an Italiens modischer Zukunft. An einer Zeit, da Abschauen bei den Nachbarländern durchaus erlaubt ist - ohne dabei die eigenen Wurzeln zu vergessen. Dabei soll ein Produkt entstehen, das der Italienerin passt und gleichzeitig als Exportware auch der Welt schmeckt. So etwas müssen italienische Modehäuser heute schaffen.

          Die Designerin ist entsprechend beschäftigt. Sie hat zum Beispiel keine Zeit in der Latteria San Marco zu ver plempern. Dabei gehört das Restaurant zu ihren Lieblingsorten in der Stadt. Dort kann sie die Zeit vergessen. Es gab mal ein paar Jahre, da aß Alessandra Facchinetti zweimal am Tag dort. „Zu Mittag und zum Abendessen. Ich bin immer mit einem Freund hingegangen, nicht mit meinem Freund, einfach mit einem guten Freund.“ Facchinetti hat keine Kinder und ist auch nicht verhei ratet. „In der Latteria traf ich damals ständig dieselben Leute. Am Ende wurden sie zu meinen Bekannten.“

          Klar, darin sind die Italiener schließlich Weltmeister, schnell mit den Leuten am Nebentisch Freundschaft schließen, zusammen lachen. Die Freundlichkeit ist ihr unique selling point, auch das verstehen sie mit einem Blick auf die Nachbarländer. Die Geselligkeit, die Lebensfreude gehört zu ihren Wurzeln und passt der neuen italienischen Mode dabei ausgesprochen gut. Alessandra Facchinettis erste Kollektion für Tod’s zwinkerte den weiblichen Schauengästen im September während der Mailänder Modewoche förmlich zu. Nicole Phelps, Kritikerin von style.com, schrieb: „Wetten, dass selbst die wichtigsten Frauen im Publikum ihre eigene Garderobe sofort gegen den zweireihigen Hosenanzug tauschen würden?“ Oder gegen die Ledermäntel in Elefantengrau mit bordeaux roten Borten, gegen die Ledercapejacken mit von Gio Ponti inspiriertem Muster, gegen eine Kollektion, die Facchinetti mit flachen Schuhen kombinierte, den typischen Noppensohlen-Loafers des Hauses, hier dekoriert mit überlangen Fransen. Scusi, flache Schuhe? Die sah man früher auch eher selten auf einem Laufsteg der Stadt. Sarah Mower, Kritikerin von vogue.com, nannte Alessandra Facchinetti „Italiens am meisten unterschätzte Designerin“.

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