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AKW-Ruine Zarnowiec : Das kurze polnische Atomzeitalter

Was von der nuklearen Zukunft übrig blieb: Ruine des AKW Zarnowiec Bild: Thomann

Im Dorf Zarnowiec nahe der polnischen Ostseeküste zeugt eine Bauruine von zerplatzten Zukunftsträumen: Hier sollte das erste polnische Atomkraftwerk entstehen. Bürgerproteste verhinderten seine Vollendung. Nun setzt Polen wieder auf Atomkraft. In Zarnowiec?

          An Zarnowiec wird sich erinnern, wer einmal die Landstraße 213 durchs kaschubische Küstenland gefahren ist. Nur wenige Kilometer von der polnischen Ostsee entfernt, führt die Strecke durch den östlichen Teil Hinterpommerns mit seinen sanften Hügeln, ausgedehnten Wäldern und verschlafenen Dörfern, auf deren Strommasten sich in ihren Nestern die Störche drängeln. Und dann, am westlichen Ausgang des Dorfes Zarnowiec, erhebt sich plötzlich das Kloster. Die gut erhaltene Anlage, als Zisterzienserinnen-Kloster im frühen 13. Jahrhundert erbaut, wird heute bewohnt von Nonnen des Benediktinerordens. Aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt die Klosterkirche Mariä Verkündung, ein imposanter gotischer Sakralbau, dessen rote Ziegel sich zu spiegeln scheinen im Schulgebäude auf der anderen Straßenseite. Dessen deutsche Inschrift „Gemeindeschule, anno 1909“ zeugt von der Zeit, als Pommern preußische Provinz war und Zarnowiec, knapp achtzig Kilometer nordwestlich von Danzig gelegen, den Namen Zarnowitz trug.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch nicht das Kloster ist es, wofür die 600-Seelen-Gemeinde Zarnowiec in ganz Polen berühmt ist, sondern ein anderes Gebäude, weit weniger ansehnlich, weit jüngeren Datums und doch seit Jahren nur noch eine Ruine. Es befindet sich nicht direkt in Zarnowiec, sondern etwa fünf Kilometer südlich in der Ortschaft Kartoszyno am Ufer des Zarnowiec-Sees. Wo einst ein altes kaschubisches Dorf lag, herrscht heute sterile Ödnis aus Lagerhallen und Fabrikgebäuden von Firmen mit Namen wie Alltech oder Technord. Das bekannteste Bauwerk dieser Gegend wirkt noch unspektakulärer als alle anderen. „Betreten der Baustelle verboten“, warnt das Schild am Maschendrahtzaun, doch gebaut wird hier seit langer Zeit nicht mehr. Nackte Stahlstreben krönen wie abgestorbenes Astwerk schmutzig graue, von Büschen umrankte Betonklötze, ein metallener Aussichtsturm ragt verloren in die Höhe. Mehr ist nicht übriggeblieben von einem Projekt, das der sozialistischen Volksrepublik einst die Zukunft sichern sollte und den Namen „Elektrownia Jadrowa Zarnowiec“ trug: Atomkraftwerk Zarnowiec.

          Aus Zarnowiec wurde „Zarnobyl“

          Der Versuch, in Polen das Atomzeitalter einzuläuten, war ungünstig terminiert. Die letzte Etappe des Baues, der schon 1972 geplant und zwölf Jahre später begonnen worden war, fiel zusammen mit dem Zeitpunkt, als sich der Freiheitswille des polnischen Volkes neu entfaltete und die Solidarnosc-Gewerkschaft zur nächsten Runde im Kampf gegen das Regime blies - und mit dem verheerenden Reaktorunglück von Tschernobyl, das sich in der Nacht zum 26. April 1986 ereignete. Erst vier Tage darauf war der Vorfall in Polen bekanntgeworden, nachdem die radioaktive Wolke längst über das Land gezogen war. Im Juni unterschrieben 3000 Menschen im ostpolnischen Bialystok die erste Petition gegen Zarnowiec. Kurz darauf begann die neugebildete Gruppe „Freiheit und Frieden“ (WiP) mit Demonstrationen in Danzig. Das Prestige-Projekt hatte da längst seinen mit dem Hautgout der Katastrophe behafteten Spitznamen weg: Zarnobyl.

          Betreten der Baustelle verboten - doch gebaut wird hier schon lange nicht mehr

          Die politischen Umwälzungen von 1989 besiegelten auch das Schicksal von Zarnowiec. Als im November 1989 ein Frachter Teile der tschechoslowakischen Reaktoren in den Hafen von Gdynia einliefern wollte, blockierten Aktivisten von WiP und Solidarnosc die Transportstrecke mit Bulldozern und Traktoren und ketteten sich an die eigens für das Kraftwerk gebauten Bahngleise nach Westen. Im Dezember erließ die neu gewählte Regierung Mazowiecki einen zunächst einjährigen Baustopp für Zarnowiec. Die Verhandlungen mit ausländischen Firmen, darunter Siemens, sich finanziell an dem Kraftwerk zu beteiligen, brachten kein Ergebnis. Am 4. September 1990 beschloss die Regierung, den Plan des ersten und einzigen polnischen Kernkraftwerks endgültig aufzugeben, im Dezember wurde seine Liquidation verkündet. Der Bau hatte kurz vor der Vollendung gestanden. Etwa zwei Milliarden Dollar, so wird geschätzt, sind am Zarnowiec-See in den Sand gesetzt worden.

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