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Afghanistans Skihoffnungen : Die Pioniere vom Hindukusch

Fast am Gipfel: Alishah Farhang (links) und Sajjad Husaini in St. Moritz Bild: Martin Franke

Zwei Skifahrer aus Afghanistan trainieren in der Schweiz für die Weltmeisterschaft. Von ihrer Konkurrenz werden sie ausgelacht – dabei haben sie noch ganz andere Träume.

          Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft hat er geschafft, den Bus zum Skilift aber knapp verpasst. Sajjad Husaini winkt noch kurz, doch der Schweizer Busfahrer hat nur die Zeit im Blick – und fährt weg. Es ist 7.40 Uhr vor der Jugendherberge in St. Moritz, einem schneeverhüllten Winterparadies bei minus 17 Grad.

          Alexander Davydov

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Viel Zeit, sich zu ärgern, bleibt dem Skifahrer aus Afghanistan nicht. Mit klackernden Schuhen und breitem Grinsen trudelt er wenig später in der Signalbahn ein, die Skier auf den Schultern, den Helm schon auf dem Kopf. Von hier aus geht es in die Berge, ins Skigebiet von Corviglia. Zusammen mit seinem Partner Alishah Farhang trainiert er für die Skiweltmeisterschaften, die gerade in St. Moritz stattfinden. Die beiden Bauernjungs aus Afghanistan sind auf Einladung in dem Luxusort. Hier können sie drei Monate lang auf den Brettern an ihrer Technik feilen. Husaini und Farhang sind die ersten Skifahrer aus dem von Krieg und Terror geplagten Land, die an einem solchen Wettkampf teilnehmen – die ersten, die Afghanistan im Wintersport international vertreten.

          Vor rund sechs Jahren fing alles an: Damals hörten die beiden zum ersten Mal von dem alpinen Sport. „Am allerersten Tag wusste ich nicht, wie das mit den Skiern funktionierte“, sagt Farhang. „Aber als ich schließlich den Dreh raushatte und lernte abzubremsen, hat es richtig Spaß gemacht.“ Nun sind sie 8000 Kilometer von Zuhause entfernt. Ski fahren statt Schafe hüten: Die Wendung in ihrem Leben ist ähnlich dem Kontrast zwischen ihrer Heimat und der Schweiz. Ordnung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit habe den 24 Jahre alten Husaini anfangs besonders beeindruckt; das Leben der Schönen und Reichen, war ihm bis dahin fremd. „Ich liebe die friedlichen Lichter der Stadt“, seufzt Husaini. Im Flugzeug über Zürich dachte er, es seien Sterne.

          Es fehlt an Gewicht für die Abfahrt

          Doch mittlerweile haben sich die jungen Männer daran gewöhnt – an die Bequemlichkeit und an das harte Training. Es ist ihr dritter Besuch in der Schweiz. Noch in dieser Woche wird sich zeigen, ob ihr Training sich gelohnt hat. Bei den Weltmeisterschaften fahren sie im Riesenslalom mit. Doch haben sie Chancen?

          Die 3000-Meter-Höhenluft in ihrer Heimatprovinz Bamiyan, etwa 180 Kilometer Luftlinie westlich der Hauptstadt Kabul, hat Husaini und Farhang gut vorbereitet. Sie haben eine hervorragende Ausdauer und sind körperlich fit. Da es keine Sessellifte gibt, müssen sie für fünf Minuten Abfahrt einen Zwei-Stunden-Fußmarsch auf sich nehmen. Doch ihre Defizite gegenüber der internationalen Konkurrenz sind offensichtlich. Klein und zierlich wirken die Afghanen im Vergleich zu den europäischen und amerikanischen Rennfahrern. Das Fitnessstudio in ihrer Heimatstadt können sie sich nicht leisten, ihnen fehlen Muskeln und Masse. Felix Neureuther bringt knapp 90 Kilogramm auf die Waage – die afghanischen Nachwuchssportler kommen gerade mal auf gut 60 Kilogramm. Da fehlt Gewicht für die Abfahrten.

          Husaini und Farhang haben den Sport erst vor wenigen Jahren für sich entdeckt – zu spät, um sich große Hoffnungen auf sportliche Erfolge zu machen. Auch fehlt ihnen die „Rennkampfluft“. Ihre Teilnahme an den Weltmeisterschaften ist erst ihr fünftes Wettrennen überhaupt. „Natürlich sind wir nicht so professionell wie die erfahrenen Sportler“, sagt Husaini. „Wenn sie über dich lachen, ist das ziemlich schwierig. Aber das bedeutet doch nicht, dass wir aufhören sollen. Wenn mich jemand auslacht, motiviert es mich, beim nächsten Mal besser zu werden.“

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