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„Ärzte für die Dritte Welt“ in Kalkutta : Aus der Arztpraxis ins Armenviertel

Täglich warten Dutzende Patienten im Armenviertel auf die Ärzte aus Deutschland Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Die „Ärzte für die Dritte Welt“ behandeln in Kalkuttas Armenvierteln Krankheiten, die sie oft nur noch aus dem Lehrbuch kennen. Für mindestens hunderttausend Menschen in den Armenvierteln der Gegend sind sie die einzigen Mediziner.

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          Der Monsun hat die Erde aufgeweicht, in den Reifenspuren der Lastwagen sammelt sich das Wasser, auf den Inseln dazwischen liegt Müll. Kein Mäuerchen, keine Bank zum Hinsetzen. Kein Dach, das vor dem nächsten Regenguss schützte. Die matschige Ausbuchtung an der Ausfallstraße im Süden Kalkuttas ist ein unwirtlicher Ort - und doch drängeln sich Frauen und Männer seit dem Morgen, manche sind schon in der Nacht gekommen. In einer Hütte am Straßenrand halten die „Ärzte für die Dritte Welt“ Sprechstunde, wie an jedem Montag und Donnerstag. Für 100.000, vielleicht 200.000 Menschen in den Armenvierteln der Gegend sind sie die einzigen Mediziner. An die 165 Frauen und Männer haben sich zwischen den Pfützen aufgereiht, viele der dürren Frauen mit einem mageren Kind auf dem Arm.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Es wird wieder ein langer Tag für die beiden Ärztinnen aus Deutschland. Die eine arbeitet sonst am Starnberger See, die andere vom Bodensee ist schon im Ruhestand. Jetzt sind sie sechs Wochen in Kalkutta und der Nachbarstadt Howrah unterwegs, Tag für Tag wechselnd zwischen drei Ambulanzen in verschiedenen Slums, und überall warten die Menschen auf sie. Der ehrenamtliche Einsatz für den Frankfurter Verein mag ein wenig Abenteuer sein. Vor allem aber bedeutet er Arbeit. Manche Krankheit bekommen die Ärzte zu Hause kaum zu Gesicht - Tuberkulose vor allem, aber auch Malaria, Krätze, Typhus. Viele Kinder sind von Würmern befallen.

          „Da haben Sie das Elend der Welt“

          An einem kleinen Tisch warten Ärztin und Übersetzerin auf die Patienten, die ihre mitgebrachte Akte aus einer zerlumpten Plastiktüte ziehen. Ein paar Schritte weiter werden von heimischem Personal die Kinder geimpft. Manchmal reichen die Medikamente nicht. Das gilt etwa für die an Tuberkulose Erkrankten, die monatelang beobachtet werden müssen, denen womöglich nur in einem Krankenhaus als lokalem Partner des Vereins zu helfen ist.

          Es sind vor allem sehr junge Ärzte und solche im Ruhestand, die sich für die Auslandseinsätze finden

          Vor allem aber können die schwer unterernährten Mädchen und Jungen nicht einfach weggeschickt werden. Für sie unterhält der Verein eine Kinderstation, eigentlich ein großes Zimmer nahe der Wohnung der Ärzte mitten in einem der Armenviertel. Gut ein Dutzend Mädchen und Jungen können hier mit ihren Müttern einige Tage bleiben. Wenn alle Betten belegt sind, wird noch eine Matratze in den Gang gelegt. „Päppelstation“ hat sich als Bezeichnung eingebürgert, denn es geht darum, dass die Kinder endlich einmal genug zu essen bekommen. Es sind kleine Patienten wie die 14 Monate alte Dhiraj, die gerade einmal fünfeinhalb Kilo wiegt, der acht Jahre alte Mohammed, der nicht mehr als 15 Kilogramm auf die Waage bringt, und die elfjährige Parvin. Sie ist allein, ihre Mutter an Tuberkulose gestorben. Nun leidet sie selbst an der Krankheit. Aber es gibt noch schlimmere Fälle. „Da haben Sie das Elend der Welt“, sagt ein Arzt und deutet auf ein Mädchen: „Tuberkulose, HIV und keine Eltern. Ich mach' das so viele Jahre, aber das geht mir immer wieder unter die Haut.“

          An neun Orten der Welt tätig

          Die Not solcher Kinder hatte der Frankfurter Jesuitenpater Bernhard Ehlen vor Augen, als er 1983 die Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ gründete. Mit der Zeit ist aus dem Ein-Mann-Büro eine kleine Büroflucht in der katholischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt geworden, und mit Maria Furtwängler wurde eine prominente Unterstützerin gefunden.

          Heute sind die Mediziner an neun Orten der Welt tätig - allein an vier Stellen auf den Philippinen, an zwei Orten in Bangladesch, außerdem in Kenia, Nicaragua und eben in Kalkutta, dort nun schon seit einem Vierteljahrhundert. 2400 Mediziner haben sich seit 1983 für den Verein engagiert, und weil viele öfter für sechs Wochen ins Ausland gingen, kamen fast 5000 Einsätze zusammen. Eine der Ärztinnen ist schon zwei Dutzend Mal unterwegs gewesen. In der Zentrale hat man ausgerechnet, dass im Durchschnitt 3000 Menschen am Tag geholfen wird.

          Leben unter einfachsten Umständen

          Es sind vor allem sehr junge Ärzte und solche im Ruhestand, die sich für die Auslandseinsätze finden. Wer eine eigene Arztpraxis betreibt, kann kaum so lange wegbleiben. In Kalkutta leben die Mediziner wie an den anderen Einsatzorten auch unter einfachsten Umständen. Jeder hat ein kleines Zimmer, es wird für sie gekocht und die Wäsche gewaschen, das war es dann auch. Das Viertel rund um die Ärztewohnung ist keine Gegend für einen Abendspaziergang. Immerhin liegt die Wohnung hoch oben in einem großen Haus. So wird sie nicht überschwemmt, wenn im Monsun das Wasser knietief in den Gassen der Armenviertel steht, auch in dem Tuberkulosekrankenhaus, in das die Ärzte schwerkranke Patienten bringen. Am dritten Tag schwimmen dann dort die Fische zwischen den Betten, wie es heißt, am vierten kommen die Schlangen.

          Kalkutta ist für die „Ärzte für die Dritte Welt“ ein besonderer Standort, weil der Mediziner Tobias Vogt vom Niederrhein für Kontinuität sorgt; er lebt seit acht Jahren hier. In seinem jüngsten Rundbrief schreibt er vom Ausbruch des Winters, dem die Menschen hilflos ausgesetzt sind, weil es ihnen sogar an Decken fehlt. An Heizungen ist sowieso nicht zu denken. Vogt erinnert aber auch an die Erfolge der Arbeit im Moloch Kalkutta. Eine 25 Jahre alte Frau aus dem Slum, vom Foto her fast noch ein Mädchen, hatte wegen ihrer offenen Lungen-Tuberkulose vier Monate in einem Isolationszimmer des Krankenhauses verbringen müssen. Nun konnte sie, halbwegs genesen, auf die allgemeine Station wechseln. Sie hat sich gerne neu fotografieren lassen. Und sie strahlt auf dem Bild, als wäre ihr das Leben neu geschenkt worden.

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