https://www.faz.net/-gum-84gnu

Rücktritts-Serie : Ära, wem Ära gebührt

Eine Auswahl von Hinschmeißern: Gregor Gysi, Joseph Blatter und Günther Jauch Bild: dpa

Jauch, Jain, Blatter, Gysi: Mehr berühmte Köpfe als zuletzt sind gefühlt seit der Französischen Revolution nicht mehr gerollt. Und jedes Mal soll damit eine Ära zu Ende gegangen sein. Leben wir wirklich in so historischen Zeiten?

          2 Min.

          Was ist da eigentlich los? Gerade wird soviel Geschichte geschrieben, dass die Chronisten mit dem Stenografieren kaum hinterherkommen. Jauch hört auf, Blatter hört auf, Gysi hört auf, Jain und Fitschen hören auf: Mehr berühmte Köpfe sind – gefühlt – nicht gerollt seit der Französischen Revolution. Und jedes Mal heißt es: Eine Ära geht zu Ende.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gleichzeitig fangen ganz viele neue an. Ein paar aktuelle Beispiele, in denen die Medien beginnende oder zu Ende gehende Ären ausrufen: „Aufbruch in eine neue Ära des Sparens“ („Börsen-Zeitung“). „Ende einer Skandal–Ära“ („Badische Zeitung“ zur Deutschen Bank). „Um 4:52 Uhr war die Ära Klopp vorbei“ („Bild“). Mit dem neuen Volvo-Modell „starten die Schweden in eine neue Ära“ („Frankfurter Neue Presse“). „Ende einer Ära: Fernseh-Söchting schließt“ („Wolfsburger Allgemeine“). Wahrlich, wir leben in historischen Zeiten.

          Wie aber definiert sich eine Ära? Es ist ein Zeitabschnitt, schon klar, und er sollte schon etwas länger dauern als der Weg vom Fernsehsessel zum Kühlschrank und zurück. Es muss aber nicht so lang sein wie die Jüdische Weltära (bislang 5776 Jahre), ja nicht einmal so lang wie die Bismarck-Ära (28 Jahre) oder die des im Mai verabschiedeten Talkmasters David Letterman (33 Jahre). Die Jauch-Ära am Sonntagabend etwa wird, wenn sie im Dezember endet, nur gut vier Jahre gedauert haben; dass es einem durchaus länger vorkam, mag manch zäher Talkrunde geschuldet sein. Wobei man nun, da Jauchs Vorgängerin wieder übernimmt, vielleicht nicht mehr von einer Ära, sondern nurmehr einem Interregnum sprechen sollte.

          Ären enden nicht immer in Ehren

          Unzweifelhaft ist, dass mit den großen Toten der jüngsten Zeit tatsächlich jeweils eine Ära ausklang: Als Günter Grass, Pierre Brice und James Last starben, da schien es, als seien die fünfziger, die sechziger und die siebziger Jahre der Bundesrepublik nun endgültig vorüber. Ära, wem Ära gebührt.

          Etymologisch wird die Ära zurückgeführt auf den Plural aera des lateinischen Wortes aes (Erz, Kupfer, Bronze oder auch Geld), was dann gleichzusetzen wäre der „Zeitdauer einer Währung“ - beispielsweise also des Euro, dessen Ära die AfD vor dem Ende ihrer eigenen Ära kaum mehr beenden dürfte. Wobei ernsthaft von einer AfD-Ära oder gar einer „Ära Lucke“ kaum jemand sprechen wird. Schon „Ära Schröder“ klingt ja irgendwie seltsam, während „Ära Adenauer“ uns flüssig von den Lippen geht und die sechzehn Regierungsjahre eines anderen Kanzlers gar sprichwörtlich geworden sind („Die Liebe in Zeiten der Kohl-Ära“).

          Helmut Kohl, Ferdinand Piëch und ganz besonders der sogar siebzehn Jahre als Fifa-Boss amtierende Joseph Blatter stehen beispielhaft dafür, dass Ären nicht immer in Ehren enden. Wer den rechten Zeitpunkt zum Absprung verpasst, der wird anderen zur Last und manchmal auch sich selbst – wie vermutlich auch Jürgen Klopp, der immerhin freiwillig ging, wenn auch nicht auf dem Gipfel. „Es ist nicht wichtig, was über einen gedacht wird, wenn man kommt. Es ist wichtig, was über einen gedacht wird, wenn man geht“, hat Klopp bei seinem Abschied vom BVB gesagt, und er war noch früh genug damit dran, dass nicht alle nur einfach dachten: endlich.

          Jedem Abgang wohnt ein Zauber inne

          Spätestens wenn das goldene Zeitalter zur bleiernen Zeit mutiert ist, gilt: Jedem Abgang wohnt ein Zauber inne. Trotzdem sind länger währende Ären wichtig für die Gesellschaft, symbolisieren sie doch Kontinuität und damit Sicherheit. Selbst die unerfreulich gewordenen: Dass nach nur vier Tagen das Ende von Blatters fünfter Amtszeit verkündet wurde, raubte uns die bequeme Gewissheit, dass der Laden unreformierbar sei, und in den Sternen steht, worüber man sich künftig sonntagabends bei Twitter aufregen soll, wenn man Jauch nicht mehr in Echtzeit zerfleischen kann.

          Ein Trost mag darin liegen, dass mitunter eine Ära, die man längst beendet wähnte, völlig überraschend weitergeht– zum Beispiel im vergangenen Jahr, als die Komiker von Monty Python nach 34 Jahren noch mal für ein paar Bühnenshows zusammenfanden. Eine Gruppe übrigens, deren Ruhm nicht zuletzt auf einem Sketch gründete, in dem es um das Ende eines Aras ging. Doch das ist wieder eine völlig andere Geschichte.

          Weitere Themen

          Straßenparty in Rio Video-Seite öffnen

          Karneval : Straßenparty in Rio

          Tausende kamen am Sonntag in den Straßen von Rio de Janeiro zusammen, um bei den weltbekannten Straßenpartys mit dabei zu sein: Singen, Tanzen, glücklich sein.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.