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Achtjähriges Gymnasium : Vorher war’s gechillter

Coburg, Abi 2010: Thomas Stöckl (G8), Sebastian Ebert (G9), Philipp Pommerenig (G9 – von links) Bild: Tobias Schmitt

Das Turbo-Abitur bezahlen die Schüler, die in Coburg aufs Casimirianum gehen, teuer. Kaum ein Schüler ist wirklich glücklich über das geschenkte Jahr. Erfahrungen mit dem „G8“ an einem bayerischen Traditions-Gymnasium.

          Schon seit einigen Jahren bleibt das „Glöckle“ nach der Prüfung stumm. Nur wenn alle Abiturienten eines Jahrgangs an dem Coburger Gymnasium die Abgangsprüfung bestanden haben, ist die Glocke im steinernen Turm des herrlichen Renaissance-Gebäudes zu einer festgesetzten Stunde zu hören. „Das ist schon etwas ganz Besonderes“, sagt Schulleiter Burkhard Spachmann. „Und dieses Jahr könnte das Glöckle sogar zweimal für die Abiturienten läuten.“ Fast sicher ist er sich bei seinen „G9ern“. Bei den „G8ern“ indes könnte es eng werden.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Den „G9er“ Philipp Pommerenig lässt die Glocke ziemlich kalt. „Die läutet doch eh dreimal am Tag. Zum Schulbeginn und jeweils zum Ende der ersten und zweiten Pause.“ Da nehme das zusätzliche Läuten einmal im Jahr kaum jemand wahr. „Hauptsache, wir kommen alle durch.“ Der Neunzehnjährige steht mit Thomas Stöckl vor der Schule und raucht. Die beiden sind seit ihrer Kindheit befreundet. Beide machen sie in diesem Jahr Abitur am Casimirianum. Beide waren neun Jahre auf dem Gymnasium. Und doch begannen für Philipp die Abiturprüfungen schon am Freitag, Thomas hingegen kann noch zwei Monate länger lernen. Er gehört zum ersten G8-Jahrgang, weil er eine Klasse wiederholen musste.

          Aus „G9ern“ wurden „G8er“

          Wer in Coburg aufs traditionsreiche Casimirianum geht, weiß, worauf er sich einlässt. Auf viel Latein zum Beispiel, das immer noch erste Fremdsprache ist. In der sechsten Klasse können die Schüler dann zwischen Englisch und Altgriechisch wählen. Goethe berichtet in „Dichtung und Wahrheit“, sein Vater habe „daselbst einen guten Grund in den Sprachen“ gelegt, „und was man sonst zu einer gelehrten Erziehung rechnete“. Johann Caspar Goethe hatte, so der Sohn, „seine Jugend auf dem Koburger Gymnasium zugebracht, welches unter den deutschen Lehranstalten eine der ersten Stellen einnahm“.

          Da waren’s nur noch acht (Jahre): Schüler des Casimirianums im Physikunterricht

          Sogar eine eigene Schülerverbindung hat das 1605 gegründete Casimirianum – die 150 Jahre alte Casimiriana. Stolz präsentiert sich der Bund in einem Schaukasten: ausgeschlagen in Schwarz-Gold-Grün, enthält er den Zirkel der Verbindung, ein Burschenband, ein Tönnchen, wie es der Erstchargierte trägt, und Fotos aus dem Aktivenleben. Auch Philipp und Thomas zählen zu den aktiven Burschen.

          An diesem Vormittag sitzt Thomas Stöckl zusammen mit 20 weiteren Schülern im Grundkurs Sozialkunde I. Als die Mädchen und Jungen vor acht Jahren ans Casimirianum kamen, glaubten sie, neun Jahre an dem Gymnasium vor sich zu haben. Dann fiel im Jahr 2004 die Entscheidung für den verkürzten Bildungsgang in Bayern. Aus den „G9ern“ wurden „G8er“. Der Unterschied war gewaltig, wie die Abiturienten erzählen. „Vorher war’s viel gechillter“, sagt eine Schülerin. „Viel entspannter.“ Keiner im Raum ist wirklich glücklich über das geschenkte Jahr. Nur fünf von den 21 Schülern aus dem Sozialkundeunterricht möchten schon zum nächsten Wintersemester anfangen zu studieren. Auf die Frage, ob einer der Jungen sich freiwillig zur Bundeswehr melden will, nachdem sie ja nicht mehr als Wehrpflichtige eingezogen werden, erschallt nur lautes Gelächter. Einer will immerhin zur Bundespolizei gehen. Andere planen einen Au-pair-Aufenthalt im Ausland oder auch ein freiwilliges soziales Jahr.

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