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Abtreibung : Embryonen als Wurfsendung

  • -Aktualisiert am

Geschmacklos? - Embryonenmodelle in Briefkästen Bild: AP

Der katholische Verein "Durchblick" startete am Wochenende mit der Verteilung von originalgetreuen Embryomodellen eine Anti-Abtreibungs-Kampagne. Viele Menschen reagieren schockiert.

          3 Min.

          Das Modell aus dem braunen Briefumschlag ist fünf Zentimeter lang, aus fleischfarbenem Plastik gegossen und nuckelt am Daumen. Auf dem Kuvert steht: "Originalgetreues Kunststoffmodell eines Embryos in der zehnten Schwangerschaftswoche", daneben in dicken schwarzen Lettern "1000 +".

          Insgesamt 20 000 dieser Wurfsendungen verteilt der katholische Verein "Durchblick" seit dem Wochenende an Haushalte in Villingen-Schwenningen, um damit gegen Abtreibung zu demonstrieren. Zudem wurden auf einer Wiese bei Villingen tausend weiße Holzkreuze aufgestellt. "Sie sind Symbole für die Zahl der ungeborenen Kinder, die täglich in Deutschland durch Abtreibung ums Leben kommen", sagt der Vereinsvorsitzende Thomas Schührer. Unterstützt wird die Aktion von Franz Sauter, dem Regionalvorsitzenden der Christdemokraten für das Leben (CDL) und ehemaligen Bundestagsabgeordneten. Er möchte "die Menschen wachrütteln".

          Kritische Reaktionen

          Die nur acht Mitglieder zählende "Embryonenoffensive" des Vereins aus der Nähe von Bruchsal hat es sich zum Ziel gesetzt, alle 40 Millionen Haushalte in Deutschland mit ihrer Aktion zu erreichen. Die ersten Kunststoff-Embryonen wurden im Herbst vergangenen Jahres in Briefkästen in Karlsbad, Landkreis Karlsruhe, geworfen. Seitdem haben einige hundert Sympathisanten der Abtreibungs-Gegner in Baden-Württemberg und Bayern mehr als 130 000 Modelle verteilt, die meisten davon im Raum Heidelberg.

          Kritische Stimmen, die darauf aufmerksam machen, daß sich unfreiwillig kinderlose Paare oder Frauen mit Fehlgeburten durch die Plastik-Embryonen verletzt fühlen, will Thomas Schührer nicht gelten lassen: "Das ist eine Nebenwirkung, die wir nicht möchten. Deshalb haben wir jetzt auf alle Umschläge Warnhinweise gedruckt." Manfred Brecht, Zahnarzt in Karlsbad, fand das Plastik-Modell jedoch ohne nähere Erklärung in seinem Briefkasten: "Solche anonymen Aktionen sind nicht notwendig und schockieren nur. So ein sensibles Thema sollte nicht zwischen Werbeheftchen landen." Auch bei der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung "pro familia" ist man nicht begeistert. Die Vorsitzende des Landesverbands Baden-Württemberg, Birgit Kipfer, nennt die Idee "geschmacklos" und "an Psychoterror grenzend". "Man sollte den mühsam gefundenen gesellschaftlichen und politischen Kompromiß hierzulande respektieren - schließlich ist es so gelungen, die Abbruchs-Quote deutlich zu verringern."

          Zahlenspiele

          Rainer Beckmann hingegen, Amtsrichter und Mitglied der Enquetekommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" des Bundestages, findet die Verteilung von Embryo-Modellen nicht verwerflich. So könne man das Thema Abtreibung wieder in die Diskussion bringen. "Das ist mindestens genauso berechtigt wie Aktionen von Greenpeace oder von Tierschützern." Die Zahlen, mit denen Schührer und sein Verein jedoch argumentieren, halten einer Überprüfung nicht stand.

          So ist auf der Internet-Seite die Rede davon, daß die meisten Abtreibungen in der zehnten Schwangerschaftswoche vorgenommen würden und sich die Zahl der Eingriffe hierzulande auf etwa 300 000 pro Jahr summiere. Das Statistische Bundesamt dokumentierte 2003 allerdings 128 030 Abtreibungen, und mehr als 80 Prozent von ihnen fanden bereits vor der zehnten Schwangerschaftswoche statt. Da das Bundesamt nahezu alle Krankenhäuser und gynäkologischen Praxen in Deutschland in seine Statistiken mit einbezieht, werden nur wenige Fälle von Abtreibung nicht erfaßt.

          Es ist noch lange zu sammeln

          Viele Vorbeifahrende halten die weißen Kreuze für einen "Hundefriedhof" oder eine "Kriegsgräberstätte". Trotzdem spricht Initiator Thomas Schührer von einer "erfolgreichen Aktion" und "riesengroßem Interesse". Auch die finanzielle Unterstützung nehme zu. Die 20 Millionen Euro allerdings, die es nach den Berechnungen des Vereins braucht, um die Anti-Abtreibungs-Kampagne überregional zu verwirklichen, sind noch lange nicht zusammengesammelt. Jeder Plastikembryo kostet immerhin 50 Cent.

          Der Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Rupert Kubon, will die Aktion in seiner Stadt nicht unterstützen, den Abtreibungsgegnern aber auch nicht "durch öffentliches Eingreifen noch mehr Publicity bescheren". Trotzdem wird sich der Sozialdemokrat in den nächsten Wochen näher mit den Initiatoren befassen müssen. Denn die tausend Kreuze wurden nicht auf einem Privatgrundstück aufgestellt, sondern auf einer städtischen Wiese. Sie ist nur verpachtet. An "Durchblick" wurde sie unerlaubt weiterverpachtet.

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