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Germanwings-Absturz : So werden Piloten ausgebildet

Cockpitsimulator eines Airbus A330-200 Bild: Picture-Alliance

Die von einem Piloten herbeigeführte Katastrophe in den französischen Alpen rückt die Frage in der Vordergrund, wie Piloten eigentlich ausgewählt und ausgebildet werden. So viel ist klar: Wer ein Flugzeug fliegen will, muss belastbar sein.

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          „Nicht in unseren schlimmsten Alpträumen hatten wir uns das verstellen können“, sagte der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Köln, nachdem bekannt geworden war, dass der Kopilot das Flugzeugunglück offenbar willentlich herbeigeführt hatte. Fragen richteten sich auf die Ausbildung und die psychische Verfasstheit des Kopiloten. „Es gibt ein viele Jahrzehnte erprobtes Auswahlverfahren, dem auch eine psychologische Auswahl obliegt“, sagte Spohr. „Wir werden uns nun fragen: Was können wir besser machen in der Ausbildung?“ Trotz des fürchterlichen Einzelfalles hätten er und seine Kollegen im Vorstand und bei der Germanwings „festes Vertrauen in dieses seit Jahren erprobte Verfahren“. Zwar habe es in der Ausbildung des Kopiloten eine längere Unterbrechung gegeben. Aber: „Er war zu hundert Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit.“

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Das mehrstufige Auswahlverfahren, das zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt durchgeführt wird, ist streng und wurde über die Jahre auch dann nicht erleichtert, als die Lufthansa viele Piloten gesucht hat. Von den jährlich bis zu 6000 Bewerbern schaffen es vielleicht 200 in die Ausbildung, in manchen Jahrgängen weniger. In der Schulung selbst scheitern dann nur noch rund vier Prozent. Derzeit freilich ist all das graue Theorie, denn es herrscht Einstellungsstopp. Die Lufthansa benötigt bis auf weiteres keine neuen Piloten.

          Die Flaggen der Fluggesellschaften Lufthansa und Germanwings wehen vor der Lufthansa Verkehrsfliegerschule in Bremen auf Halbmast.
          Die Flaggen der Fluggesellschaften Lufthansa und Germanwings wehen vor der Lufthansa Verkehrsfliegerschule in Bremen auf Halbmast. : Bild: dpa

          Als Grundvoraussetzungen für eine Bewerbung bei der Lufthansa gelten unter anderem: fließende Deutsch- und Englischkenntnisse, allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife, ein Mindestalter von 17 Jahren. Weiterhin gutes Sehvermögen, nicht mehr als drei Punkte im Verkehrszentralregister, darunter keine Eintragung aufgrund von Drogen- oder Alkoholkonsum. Wer das schriftliche Verfahren übersteht, wird zur Grunduntersuchung nach Hamburg eingeladen.

          Dort wird nicht nur gefragt, ob es in einem Raum wärmer oder kälter wird, wenn man die Kühlschranktür öffnet, sondern auch Koordination und Kondition abgeprüft. Der Katalog ist umfangreich: Wahrnehmungsgeschwindigkeit und Orientierungsvermögen, sensomotorische Koordination, Fähigkeit zur Mehrfacharbeit in komplexen Situationen, relevante Persönlichkeitsmerkmale (etwa Motivation und Teamfähigkeit), technisch-physikalisches Grundwissen, Englischkenntnisse, Rechenfähigkeit und logisches Denken, Konzentrationsvermögen und Merkfähigkeit.

          Einen großen Teil des Auswahlprozesses macht die Überprüfung der Stressresistenz aus. Dafür müssen beispielsweise Tests bestanden werden, bei denen gleichzeitig auf über Kopfhörer eingespielte Buchstabenabfolgen und Lichtzeichen auf dem Bildschirm mit Druck auf Tasten unter Füßen und Händen reagiert werden muss. Wer hektisch wird oder zu oft den falschen Knopf drück, fällt durch. Die Belastung in den Tests ist enorm; das gesamte Prozedere dauert mehrere Tage, an jedem Morgen wird aussortiert. Es gibt Gruppen, von denen nur drei Bewerber übrig bleiben, die dann die Ausbildung aufnehmen dürfen. Wer durchfällt, ist für immer durchgefallen – jedenfalls bei der Lufthansa. Die Grunduntersuchung kann nicht wiederholt werden.

          Wer alle Tests besteht, büffelt dann zunächst sechs Monate Theorie an der Verkehrsfliegerschule in Bremen. Danach folgen Monate der Praxis hauptsächlich in Phoenix, Arizona. In der Theorieschulung stehen rund 1200 Unterrichtseinheiten mit Prüfungen auf dem Programm. Das Flugtraining umfasst rund 320 Stunden. Die Schulung dauert insgesamt 29 bis 33 Monate.

          Videografik : In den Tod gesteuert: Die Germanwings-Katastrophe

          Regelmäßige medizinische Untersuchung

          In der Folge müssen die Piloten regelmäßig zur medizinischen Untersuchung, mit zunehmendem Alter in kürzeren Abständen. Vier mal im Jahr werden die fliegerischen Fähigkeiten im Simulator abgeprüft. Eine routinemäßige Begegnung mit Psychologen gibt es nicht. Wohl aber darf angenommen werden, dass es eine Art systemimmanente Kontrolle gibt, denn Piloten arbeiten ständig im Team und stehen damit kontinuierlich unter Beobachtung. Der jeweils zweite oder dritte Mann (oder Frau) im Cockpit achtet auf das Verhalten seiner Kollegen, auch Kabinenpersonal ist ständig dabei.

          Wer einen Kollegen wegen vermeintlicher Auffälligkeiten (Nervosität, Leistungsabfall, Unkonzentriertheit, Reizbarkeit) nicht direkt ansprechen möchte, kann anonym einen Hinweis an den psychologischen Dienst geben. Von dort wird dann ein Hilfsangebot unterbreitet. Mitarbeiter, welche die Lufthansa oft als große Familie empfinden, beschreiben ihr Berufsleben als engmaschiges Netz. Ein Mitarbeiter von Germanwings beschreibt das Betriebsklima nicht nur als kollegial, es sei fast schon familiär geprägt: „Hier kennt fast jeder jeden persönlich“, sagt ein Mitarbeiter in der Zentrale.

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