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Medienkritik : Warum FAZ.NET das Bild von Andreas Lubitz zeigt

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Deshalb hat FAZ.NET das Foto von Andreas Lubitz gezeigt. Nachdem die Redaktion zuvor lange darüber diskutiert hat, denn auch wir hatten zunächst Zweifel. So haben sich im  Übrigen auch viele der führenden News-Dienste der Welt entschieden. Darunter die New York Times, die BBC, der Guardian, der Independent und viele mehr. Redaktionen, die von besonnenen Köpfen geleitet werden und für ihre Aufklärungsdienste oft gelobt werden.

Andreas Lubitz wird in die Geschichtsbücher eingehen, mit seinem unglücklichen Schicksal. Auch sein Name wird jetzt ausgeschrieben, er ist eine Person der Zeitgeschichte. Wer bei Google den Allerweltsnamen Andreas eingibt, erhält schon in der Vorschlagsfunktion nahezu alle wichtigen persönlichen Parameter des Kopiloten der Germanwings-Maschine: Nachname, Wohnort, Beruf.

Das allerdings darf nicht für die Opfer gelten. Wir brauchen ihre Namen nicht und ihre Gesichter nicht, um die Tragödie zu begreifen. Wir müssen nicht Fotos hinter irgendwo aufgestellten Kerzen abknipsen, um sie dann zu drucken. Wohl muss darüber geschrieben werden, welche Menschen an Bord waren: Schüler, Eltern, Kinder. Ihre Namen spielen indes keine Rolle, allenfalls, wenn es sich um Prominente handelt, wie die umgekommenen Opernsänger. Die dürfen genannt werden.

Es gibt viele Menschen, die nach einer solchen Katastrophe erst einmal selbst mit dem Unglück klar kommen wollen. Nicht alle können und wollen sich unmittelbar nach einer solchen Katastrophe der grausamen Realität aussetzen. Niemand ist gezwungen, permanent den Nachrichten zu folgen. Andere wollen wissen, wie das Unerklärliche zu erklären ist, hungern nach jeder neuen Erkenntnis. Auch das ist gerechtfertigt, keine Haltung ist der anderen überlegen. Jeder muss das mit sich selbst abmachen. Es ist eine autonome Entscheidung eines jeden Individuums. Niemand sollte sie einem abnehmen, keine Behörde, keine aufgeregte Öffentlichkeit und schon gar kein Storm auf Facebook.

Nur die Medien haben eine eingeschränkte Freiheit. Wer es ernst meint mit seinem Job in dieser Branche, der hat die Pflicht zur Aufklärung. Nicht nur bei Unglücken, sondern auch bei jedem anderen relevanten Vorfall. Die Presse, und dazu gehören alle, die mit ernsthaftem Anspruch in diesem Bereich tätig sind, ob Blogger oder Redakteure, ist ein riesiges Unternehmen Aufklärung. Aufklärung bringt Erkenntnisse, Aufklärung beseitigt Ungewissheit und Angst. Und Aufklärung liefert auch Trost. Diese Pflicht zur Aufklärung besteht auch dann, wenn es in den sozialen Netzwerken rumort. Aufklärung ist kein Dienst an der Mehrheit, sondern ein Dienst an der Wahrheit, selbst wenn sie manchmal unbequem oder noch nicht zu ertragen ist.

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