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Trauer um verunglückte Schüler : Haltern ringt um Fassung

Vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern wird der verunglückten Schüler gedacht Bild: dpa

Hunderte Kerzen stehen vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern. Freunde, Lehrer und der Bürgermeister beweinen den Tod der sechzehn verunglückten Austauschschüler. Niemand kann glauben, was über den französischen Alpen passiert ist.

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          Auf den Stufen vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern stehend hunderte Kerzen. Dahinter, direkt vor dem Eingang der Schule, parkt ein Polizeiwagen. Ein rot-weißes Plastikband sperrt einen kleinen Bereich vor der Treppe ab, aber viele Schüler sind drum herum gegangen und stehen nun schweigend in Gruppen beisammen. Manche von ihnen weinen oder haben verquollene Augen, die meisten stehen im Kreis und gucken mit leeren Augen ins Nichts. Ein Vater, dessen Tochter auf die Schule geht, sagt: „Man denkt immer, in so einer kleinen Stadt passiert sowas nicht.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Die Kleinstadt im Münsterland ringt nach dem Tod der sechzehn Zehntklässler und zwei Lehrerinnen, die auf dem Rückflug von einem Schüleraustausch waren, um Fassung. „Ich darf ihnen versichern, dass das sicherlich der schwärzeste Tag in der Geschichte der Stadt ist“, sagte der Bürgermeister mit Tränen in den Augen auf einer Pressekonferenz um 17 Uhr, „das ist so ziemlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann“. 

          Jana (Name geändert), ein zierliches dunkelhaariges Mädchen aus der elften Klasse, findet das auch. Sie sagt, sie habe ihre beste Freundin und zwei andere Freundinnen bei dem Absturz der Germanwings-Maschine verloren. Sie scheint unter Schock zu stehen, denn sie lacht, als sie das erzählt. Mit zwei anderen Mädchen steht sie vor der St. Sixtus-Kirche in der Fußgängerzone, nur wenige Gehminuten von der Schule entfernt.

          Von ihrer Deutschlehrerin, sagt Jana, habe sie zwischen der fünften und sechsten Stunde erfahren, dass mit dem Flug der Austauschschüler irgendwas „komisch“ sei. Um 14 Uhr habe sie dann von einem Jungen, der neben einem der Austauschschüler wohne, per Telefon von dem Unglück erfahren. Eine Lautsprecher-Durchsage des Schulleiters habe es auch noch gegeben. Er habe gesagt, dass alle auf den Schulhof kommen sollten und dass der Nachmittagsunterricht ausfalle.

          So richtig glauben kann Jana noch nicht, was passiert ist. „Ich kenne meine Freundin nur als glücklichen, freundlichen Menschen, der das nicht verdient hat“, sagt Jana, „sie war so lebensfroh, und jetzt wird sie von einem gerissen. Man weiß nicht, wie man mit der Situation umgehen soll.“

          Die Gymnasiasten sind in ihrer Trauer vereint Bilderstrecke

          Ein anderes Mädchen, auch sie steht auf dem Kirchplatz, weint sehr laut in den Armen ihres Freundes. Zwei Mitschülerinnen stehen daneben und wissen nicht, was sie tun sollen. Notfallseelsorger gehen zwischen den Jugendlichen umher, andere stehen am Rand des Platzes. Auch der Malteserhilfsdienst und ein paar Polzisten sind da. In der Kirche hingegen ist es ganz still. Hier haben sich Schüler und Lehrer versammelt, sie sitzen schweigend in den Bänken. Auch hier brennen überall Kerzen. Um 19 Uhr fand ein Gottesdienst statt.

          Alle, die da waren, hätten geweint, sagt Christopher. Er ist mit ein paar Freunden nach dem Gottesdienst noch einmal zu seiner Schule gekommen. Sie haben Blumen mitgebracht. Inzwischen ist es dunkel und spät geworden, die vielen weißen und gelben Lichter auf den Treppenstufen flackern im Abendwind, noch immer kommen und gehen Schüler, Eltern, Bekannte. Christopher stellt sein Fahrrad vor dem Schulhof ab, seine Stimme zittert, aber er mag trotzdem erzählen. „Geht ruhig schon vor“, sagt er zu seinen Freunden, aber die bleiben stehen. „Wir warten. Wir bleiben bei dir.“

          In der abgestürzten Maschine saßen zwei sehr gute Freunde von ihm. Die beiden jungen Lehrerinnen, die den Spanischkurs begleitet haben, kannte er vom Sehen. Dass auch sie nun tot sind, kann er nicht fassen. Trotzdem wollte er mit keinem der Seelsorger oder Psychologen sprechen. Er war stattdessen den ganzen Tag, seitdem er von dem Absturz erfahren hatte, mit den Leuten aus seinem Jahrgang zusammen, fast 140 Schüler. Sie wären mal am Marktplatz gewesen, mal am See. Hauptsache irgendetwas tun.

          Es war das sechste Mal, dass ein Spanischkurs des Halterner Gymnasiums nach Llinars del Vallés in der Nähe von Barcelona geflogen ist. Erst im Dezember waren zwölf Spanier in Haltern zu Gast. Der Unterricht morgen solle nicht ausfallen, sagte der Bürgermeister. Aber normalen Unterricht soll es auch nicht geben. Schüler und Lehrer können sich in der Aula des Gymnasiums treffen, sie sollen dort, abgeschirmt vor neugierigen Blicken, sprechen, weinen, trauern können. Auch die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann wird kommen. Dann werden für die 18 Opfer aus Haltern wohl schon tausend Kerzen auf den Stufen brennen.

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