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Germanwings-Absturz : Die unberechenbare Krankheit

Die Krankheit zu akzeptieren war für Andreas Lubitz offensichtlich keine Option. Bild: AFP

Bis heute gibt es keine Klarheit über den psychischen Zustand von Andreas Lubitz. Selbst die erfahrensten Therapeuten können auf die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit des Germanwings-Kopiloten keine Antwort geben. Und damit lässt sich auch die Frage nach der Schuld nicht beantworten.

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          Eine englische Boulevardzeitung hat sich vor einigen Tagen die perfide Schlagzeile erlaubt, ihre Leser in das Gehirn des Germanwings-Unglückspiloten blicken zu lassen. Die Absicht dahinter ist klar: Es sollte ein Blick in ein krankes Gehirn geboten werden, der Befund eines Geisteskranken, eines Selbstmörders, eines Massenmörders. Die Depression und die früheren Suizidabsichten des Kopiloten standen da schon als Auslöser der Tat im Mittelpunkt der Diskussion. Das war und ist für psychisch kranke Menschen schwer zu ertragen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich gibt es bis heute keine Klarheit über den psychischen Zustand des Kopiloten am Unglückstag. Wir wissen einfach nicht, ob ein akuter Schub einer wahnhaften Depression zu dieser Tat hat führen können. Oder ob ihm die Medikamente die Sinne trübten. Oder ob es Hass und Wut waren, Fanatismus oder pathologischer Narzissmus, das ihn dazu trieb, die Krankschreibungen zu ignorieren und gegen den ärztlichen Rat zu fliegen, mit der festen Absicht, sich und mehr als hundert Menschen mit in den Tod zu reißen. Selbst die erfahrensten Therapeuten können auf die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit des Kopiloten keine Antwort geben. Und damit lässt sich auch die Frage nach der Schuld nicht beantworten.

          Wovon wir hingegen etwas wissen, ist, von dem verzweifelten Wunsch des Kopiloten, seine Krankheit zu überwinden. Die Krankheit zu akzeptieren war für Andreas Lubitz offensichtlich keine Option. Das zu tun hätte für ihn bedeutet, seinen Lebenstraum, große Maschinen auf Langstreckenflügen zu steuern, aufzugeben. Wenn die wiederkehrende Depression also vielleicht auch nicht unmittelbar Auslöser des Absturzes war, sie hat ihn ganz offensichtlich in die Verzweiflung getrieben. Und auch wenn es schwerfällt, sich das einzugestehen: Das kennen viele, auch ohne Suizidabsichten. Unser Verhältnis zur Krankheit ist oft massiv gestört. Und es verändert sich immer schneller.

          Krankheiten, vor allem solchen, die uns im Weg stehen und die Lebenspläne durchkreuzen, haben wir mit den Waffen der wissenschaftlichen Medizin den Kampf angesagt. Selbst in der Gesundheitsvorsorge, der Prävention, greifen wir zu immer radikaleren Maßnahmen, um sicherzustellen, dass auch bis ins hohe Alter Störungen ausgeschlossen oder beseitigt werden. Krankheit empfinden wir längst nicht mehr nur als bloße „Störung einer Harmonie“ des Körpers und der Seele, wie das der chronisch gesunde Philosoph Hans-Georg Gadamer im hohen Alter so schön formulierte. Krankheit ist kein Schicksal mehr, sie ist zu einer schweren und selbstverständlich zu beseitigenden Last geworden. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir absolute Sicherheit im Flugzeug erwarten, verlangen viele Menschen heute die Beseitigung pathologischer Lebensrisiken durch die Medizin.

          Stehlen sich die Ärzte jetzt aus der Verantwortung?

          Dass die Medizin solche Erwartungen selbst nährt, ist dem einzelnen Arzt nicht anzulasten. Sie werden sogar selbst Opfer dieser idealisierten Wunschmedizin. Indem sie mit immer teureren und moderneren Mitteln den Patienten zu helfen versuchen, indem sie auch immer früher Störungen zu diagnostizieren vermögen, wecken sie allzu oft kaum erfüllbare Heilserwartungen. Die Diagnose- und Therapiespirale dreht sich immer schneller.

          Unsere Fähigkeit jedoch, zwischen gesund und krank zu unterscheiden, zu bestimmen, was „normal“ ist und was nicht, schwindet zusehends. Diese Unterscheidung ist für die Gesellschaft aber gerade deshalb so wichtig, weil davon so viel abhängt: die Arbeitsfähigkeit, die Verbeamtung und eben auch die Schuldfähigkeit des Täters.

          Wenn es um die Psyche geht, erweist sich die Unberechenbarkeit einer medizinischen Normalität als besonders problematisch. Seelische Leiden waren immer schon stigmatisiert. Die Kranken haben sich lieber der Therapie entzogen, als zum Psychiater oder Psychologen zu gehen. Das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Immer mehr Betroffene haben Hilfe gesucht - und gefunden. Andreas Lubitz war einer von ihnen, wenn auch einer, dem Hilfe nicht genug sein konnte.

          Für ihn war nur die Beseitigung seines Leidens die Lösung. Sein dramatisches, sein „singuläres“ Schicksal, wie die Psychiater jetzt nicht müde werden zu betonen, droht die therapeutischen Fortschritte der vergangenen Jahre zunichte zu machen. Das erscheint angesichts der Umstände des Flugzeugabsturzes sogar fast unvermeidlich.

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          Doch genauso wie es nun vermehrt Resignation auf Seiten der Kranken geben könnte, genauso entscheidend kommt es auf die Seelenkundigen an. Gerade weil es für die Psyche kaum harte, objektivierbare Krankheitskriterien gibt, ist die Autorität der Fachleute gefragt. Der Patient darf das erwarten. Wenn die Psychiater nun stattdessen darauf bestehen, zusätzliche psychische Tests in verantwortungsvollen Berufen brächten kein Mehr an Sicherheit, mögen sie das vielleicht mit dem Schutz der psychisch Kranken vor Verunsicherung und Diskriminierung verteidigen. Sie schwächen damit aber ihre eigene Kompetenz und stehlen sich letztlich aus ihrer Verantwortung als Therapeuten.

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