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Gespräch mit einem Piloten : Ein Unwohlsein im Hinterkopf

„Wir müssen im Cockpit aufeinander aufpassen“: Blick in einen Flugsimulator des Typs Airbus 320-212 bei der Lufthansa. Bild: Caro / Teich

Zwischen Vertrauen und Kontrolle, zwischen Depression und Amoklauf: Wird die Katastrophe bei Germanwings die Zusammenarbeit in Flugzeug-Crews verändern? Ein Pilot berichtet.

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          Herr Volkmann, Sie sind seit mehr als 20 Jahren Pilot. Was heißt es für Sie, dass jemand, der den gleichen Beruf hat wie Sie, absichtlich ein Flugzeug abstürzen lässt?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als nach der Auswertung des Stimmenrekorders klar wurde, was passiert war, fand ich das Unglück tatsächlich noch eine Dimension erschreckender. Weil ich mir vorstellen konnte, was sich in den letzten Minuten an Bord abgespielt haben musste. Wie es für den Kapitän gewesen sein muss, machtlos vor der Tür zu stehen und der Katastrophe, quasi dem Tod, ins Auge zu blicken. Das muss furchtbar gewesen sein.

          Sind Sie seitdem geflogen?

          Ich habe Urlaub, zufälligerweise war mein letzter Flug an jenem Dienstagmittag von Antalya nach Köln. Als wir landeten, kamen uns die Kollegen entgegen und erzählten, da sei eine Germanwings-Maschine abgestürzt. Aber ich wäre am nächsten Tag wieder eingestiegen. Ich bin am 11. September 2001 geflogen und am Tag danach. Wir sind Profis. Wir wissen, dass wir diesen Job nur machen können, wenn wir unsere Befindlichkeit ein Stück zurückstellen.

          Können Sie sich da vorstellen, dass es Kollegen gibt, die zur Gefahr für alle werden?

          Es gibt sehr wenige solcher Fälle, aber es gibt sie. Bei der amerikanischen Frachtfluglinie FedEx ist mal ein Pilot als Gast mitgeflogen und hat die Kollegen im Cockpit mit einer Axt angegriffen. Der Mann hatte Wahnvorstellungen. Das ist eine Krankheit, und psychische Krankheiten können jeden ereilen, also auch Piloten. Es gibt ein Restrisiko, das wir akzeptieren und mit dem wir leben müssen.

          War Ihnen das immer bewusst?

          Nein. Ich bin jetzt 25 Jahre in der Fliegerei tätig und seit 20 Jahren Flugkapitän. Aber das ist mir erst durch dieses Unglück bewusster geworden. Dieser Kopilot hat ja normal funktioniert. Sicherlich war der in einem psychischen Ausnahmezustand, aber er war in der Lage, seinen Job zu machen. Das muss man sich mal vorstellen: Der checkt ein mit der übrigen Crew, die bereiten sich vor, machen ein paar Berechnungen, gucken sich das Wetter an, besprechen den Flugablauf. Der hat funktioniert. Und das wahrscheinlich mit dem Amok-Gedanken im Hinterkopf.

          Was heißt das künftig für das Klima unter den Kollegen?

          Ich glaube, dass mancher nachdenklicher und vielleicht auch misstrauischer wird. Ich habe Medizin studiert und als Arzt gearbeitet und erst dann mein Hobby zum Beruf gemacht. Als Arzt habe ich ein anderes Vorwissen. Dass es psychische Krankheiten gibt, die zu so einem Amoklauf führen können, auch bei Piloten, ist für viele Kollegen vermutlich eine Neuigkeit, mit der sie erst mal umgehen lernen müssen.

          Dr. med. Andreas Volkmann, 61, seit 1990 Verkehrspilot, bei Germania, Deutscher BA und Air Berlin (seit 2009)

          Wie wichtig ist Vertrauen in der Kabine?

          Ohne Vertrauen funktioniert es nicht, sonst könnte man gar nicht ins Flugzeug einsteigen. Es sind ja auch andere Szenarien denkbar, wo jemand es darauf anlegt, ein Flugzeug zum Abstürzen zu bringen, selbst wenn beide im Cockpit sitzen. Dieses Risiko hatten wir Piloten vorher gar nicht so im Kopf. Aber es ist extrem gering, wenn man bedenkt, wie viel Zigtausende Flüge jeden Tag stattfinden, wie viele Millionen Passagiere transportiert werden.

          Wie gut kennt man sich innerhalb der Crew?

          Das ist ein wichtiger Aspekt, und da gibt es einen Unterschied zwischen der Lufthansa und anderen Fluglinien, die in der Regel deutlich kleiner sind. Die Lufthansa hat 5400 Piloten, Air Berlin 1100, also ein Fünftel davon. Bei Air Berlin haben wir einzelne Stationen, meine Basis ist Köln. Da habe ich 15 Kopiloten, und in der Regel mache ich meine Flüge mit diesen 15 Leuten. Da kennt man sich schon. Die Kollegen von Lufthansa hingegen fliegen manchmal nur einmal im Jahr miteinander.

          Was ist besser?

          Ich glaube, es ist von Vorteil, wenn man sich gut kennt. Die Lufthansa hat da aber eine andere Philosophie. Die betrachten es als Vorteil, wenn kein Vertrauensverhältnis entsteht, das dazu führen könnte, dass ein Schlendrian einzieht und man unaufmerksam und nachlässig wird.

          Warum?

          Die sehen das als Sicherheitsvorteil, und da ist auch etwas Wahres dran. Wenn man Leute gut kennt, ist man geneigt zu sagen: Ach, der kann das, das weiß ich ja, den lasse ich mal machen. Aber jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Wir müssen im Cockpit aufeinander aufpassen. Mir ist es einmal passiert, dass etwas schieflief mit einem Kollegen, dem ich seinen Job sicher zugetraut hatte. Seitdem weiß ich: Meine Aufmerksamkeit darf nie nachlassen, egal, wer neben mir sitzt. Auch wenn man befreundet ist oder eine richtig nette Atmosphäre im Cockpit herrscht – in gewisser Weise muss man sich trotzdem immer gegenseitig überprüfen.

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