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Germanwings-Absturz : Nichts soll unbestattet bleiben

Spezialisten im Einsatz: die israelischen Helfer der Zaka nach einem Anschlag auf eine Jerusalemer Synagoge im November. Bild: Reuters

Israel schickt Bergungs-Fachleute zum Absturzort in die Alpen. Die Spezialisten helfen dabei, die sterblichen Überreste eines jüdischen Opfers zu bergen. Wie klein sie auch sein mögen.

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          Am Montag traf die Bergungsmannschaft aus Israel in den französischen Alpen ein. Acht israelische Freiwillige helfen bei der Suche nach den sterblichen Überresten der Germanwings-Passagiere. In Israel sind die Männer mit den gelben Warnwesten mit der Aufschrift „Zaka“ nach Anschlägen und Unfällen oft genauso schnell zur Stelle wie die Rettungskräfte. Zunächst leisten auch sie Erste Hilfe, dann kümmern sie sich um die Toten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Zaka“, das ist im Hebräischen die Abkürzung für „Identifizierung von Katastrophenopfern“. Stundenlang suchen die Mitglieder der Hilfsorganisation nach sterblichen Überresten der Opfer, wie klein sie auch sein mögen. Nichts soll unbestattet bleiben. Auch Haare und Blutreste versuchen sie den Opfern zuzuordnen.

          In den französischen Alpen hilft die Zaka-Delegation nun dabei, den Leichnam des einzigen israelischen Opfers zu bergen. Die Familie von Ejal Baum hatte die deutsche Fluggesellschaft darum gebeten, teilte das Büro des israelischen Ministerpräsidenten mit. „Die Freiwilligen werden ihre umfangreiche Erfahrung und Expertise bei internationalen Such- und Bergungsaktionen auch den örtlichen Mannschaften zur Verfügung stellen.“

          Sorge für Toten im Judentum eine Tugend

          An leidvoller Erfahrung mangelt es der israelischen Hilfsorganisation nicht. Während der Zweiten Intifada, als in Israel Anschläge auf Busse und Restaurants verübt wurden, waren die frommen Männer oft täglich im Einsatz. Ihre Schläfenlocken und Bärte lassen erkennen, dass die meisten von ihnen strenggläubige Juden sind.

          Alles begann 1989, als Jehuda Meshi Zahav noch in einer Jeschiwa studierte. Zahav und die anderen Studenten der Talmudschule eilten den Passagieren eines Busses zur Hilfe, auf den während der Ersten Intifada eines der schlimmsten Attentate verübt worden war. Sie blieben, als die Verletzten versorgt waren, und kümmerten sich um die 17 Toten.

          Zahav, heute Vorsitzender von Zaka, wollte sicherstellen, dass sie nach den jüdischen Vorschriften bestattet werden. Im Judentum gilt diese Sorge für die Toten als ein besonderer Akt der Nächstenliebe, weil sich die Toten dafür nicht mehr erkenntlich zeigen können. „Chesed schel Emet“ heißt diese tugendhafte Handlung.

          Verkehrsunfälle, Terroranschläge, Naturkatrophen

          Vor 20 Jahren wurde dann die Freiwilligenorganisation Zaka gegründet, die heute mehr als 1500 Mitglieder hat – und einen Fuhrpark mit mehr als 160 Motorrädern sowie 34 Ambulanzfahrzeugen. In Israel erlaubt die Polizei nur ihnen, Tote zu bergen und zu identifizieren – ob sie bei Verkehrsunfällen, Terroranschlägen Naturkatastrophen oder durch Selbstmord umkamen. Dafür erhalten die Zaka-Mitarbeiter eine Ausbildung. Sie kennen sich mit Fingerabdrücken, DNA-Tests und Zahn-Schemata aus. Sie setzen neue Technik ein und halten sich zugleich streng an die Halacha.

          Das jüdische Religionsrecht schreibt vor, dass Leichname identifiziert und so vollständig wie möglich bestattet werden müssen. Das war nach den Terroranschlägen, bei denen die Sprengsätze die Toten zerfetzten, ähnlich schwierig wie jetzt nach der Flugzeugkatastrophe in den Alpen.

          Auch psychologisch werden die Männer ausgebildet. Verheirateten gibt man den Vorzug, weil sie für ihre schwere Arbeit Rückhalt in ihren Familien haben. Es gibt auch eine „Minderheiteneinheit“, der arabische Drusen und Beduinen angehören.

          Auslandseinsätze haben Zaka international so bekannt gemacht, dass die Organisation schon für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde. Die Freiwilligen halfen nach den Tsunamis in Südostasien und in Japan. Sie waren nach dem Hurrikan Katrina zur Stelle, nach dem großen Erdbeben in Haiti und nach den Anschlägen am 11. September 2001. Im Januar flogen sie nach dem Terroranschlag auf den koscheren Supermarkt nach Paris. Die Männer sorgten auch für die Überführung der jüdischen Toten, die auf einem Friedhof in Jerusalem ihre letzte Ruhe fanden.

          Im vergangenen Herbst schien der Terror mit einer Anschlagserie auch wieder Jerusalem zu erfassen. Als zwei Palästinenser in einer Synagoge betende Rabbiner mit Äxten und Macheten töteten, erschütterte das den Zaka-Vorsitzenden am stärksten. „Ähnliches haben wir zuletzt während des Holocaust gesehen“, sagte Zahav damals.

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