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Identifizierung der Opfer : Mit einem Bild vor Augen

Vor einem mobilen Labor stehen Forensiker in Schutzkleidung mit einem Polizisten zusammen. Bild: dpa

Mit der Bergung der ersten Opfer in den französischen Alpen beginnt die schwierige Aufgabe der Identifizierung. Dabei müssen Daten zu Leben und Tod miteinander in Einklang gebracht werden. Die Experten unterscheiden primäre und sekundäre Merkmale.

          Die Identifizierung eines Toten beginnt im Leben. Und die letzte Spur, die eine bei einem Flugzeugunglück vermisste Person im Leben hinterlässt, ist zumeist ihr Name auf der Passagierliste. Mit der Liste hat man in der Regel den Namen und mit dem Namen die Adresse. Dort beginnt nun das, was die Fachleute der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes (BKA) die „ante-mortem“-Aufarbeitung nennen: Am Wohnort des Vermissten werden aktuelle Fotos der Person ebenso gesichert wie medizinische Befunde und Unterlagen zum Zahnstatus, Fingerabdrücke sowie Vergleichsmaterial, um daraus ein DNA-Muster zu erstellen. Haare aus einer Bürste zum Beispiel dienen hier als Vergleichsprobe.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Man braucht so viele ante-mortem-Fakten wie möglich, um eine Person sicher identifizieren zu können“, sagt Markus Koths, Pressesprecher des BKA, der selbst jahrelang für die Identifizierungskommission (Idko) gearbeitet hat. Wie sah die Person aus? Trug sie oft bestimmte Schmuck-  oder Kleidungsstücke, die bei der Identifizierung helfen könnten? Hatte sie unverwechselbare Merkmale wie Muttermale, Narben oder Tätowierungen? Gab es medizinische Befunde über Herzschrittmacher oder künstliche Gelenke? Meist sind es Polizeibeamte der örtlichen Polizeidienststellen, denen die Aufgabe obliegt, Angehörige und Ärzte um diese „ante-mortem“-Informationen zu bitten. Das Material und die Daten werden dann nach genauen Vorgaben erfasst und per Kurier zum BKA geschickt. Auch im Moment werde im Hinblick auf die Todesopfer von Flug  4 U 9525  so vorgegangen. Die entsprechenden Informationen würden dann an die französischen Fachleute übermittelt, sagt Koths.

          Busse als mobile Labore

          Denn mit der Bergung der ersten Opfer in den französischen Alpen beginnt die schwierige Aufgabe der Identifizierung. Offenbar wird es Wochen dauern, bis die Identifizierung der Todesopfer – unter ihnen 75 Deutsche - abgeschlossen ist. Die sterblichen Überreste müssen die Rettungskräfte in einem zwei Hektar großen, schwer zugänglichen Gebiet bergen.   Dies hat nach Angaben eines französischen Polizeisprechers vom Freitag Vorrang vor dem Sicherstellen der Trümmerteile des Flugzeuges. Mit Hubschraubern werden die sterblichen Überreste dann in das Einsatzzentrum in Seyne-les-Alpes geflogen. Dutzende Rechtsmediziner arbeiten dort an der Identifizierung der Opfer. In speziell ausgestatteten  Bussen, die als mobile Labore fungieren,  werden DNA-Analysen vorgenommen. Familienangehörige, die in der Unglücksregion eingetroffen sind, haben vor Ort schon DNA-Proben abgegeben. Am Sonntagnachmittag sagte der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, dass die Ermittler bislang DNA von 78 Menschen gesichert hätten.

          Noch am Dienstag hatte auch das BKA drei Mitglieder der Idko nach Frankreich entsandt. 120 Mitglieder zählt diese deutsche Spezialeinheit insgesamt, die Mitarbeiter kommen aus unterschiedlichen Bereichen des BKAs: Psychologen und Polizeibeamte sind ebenso vertreten wie EDV-Spezialisten und Logistiker. Auch externe Fachleute wie Rechtsmediziner oder Zahnärzte können hinzugezogen werden. Es ist ein Verbund von freiwilligen Einsatzkräften, die immer dann gerufen werden, wenn bei Unglücken in Deutschland viele Tote oder bei Katastrophen im Ausland eine große Zahl deutscher Opfer zu beklagen sind. Die drei nach Frankreich entsandten Mitglieder der Idko arbeiten dort eng mit den französischen Behörden zusammen. „Die Zusammenarbeit ist sehr gut“, sagt Koths. Frankreich hat die Federführung der Identifizierung übernommen, da sich das Unglück auf französischem Boden ereignet hat.

          Primäre und sekundäre Merkmale

          An der Absturzstelle in den französischen Alpen sichern somit nun die Mitglieder der französischen Identifizierungsteams die „post-mortem“-Befunde. Dazu gehören vor allem Informationen über den Zustand der sterblichen Überreste und die jeweiligen DNA-Muster. Diese werden anhand von Proben aus Knochen und Gewebe gewonnen. Auch die an den Opfern sichergestellten Kleidungsstücke, persönliche Gegenstände wie Gepäck, Handtaschen oder Eheringe gehören dazu. Diese „Effekte“ gelten als sekundäre Identifizierungsmerkmale – denn der sichergestellte Schmuck oder eine Jacke könnte noch zu Lebzeiten kurzfristig ausgetauscht worden sein, muss somit nicht zwangsläufig dem Verstorbenen gehören. „Vielleicht wurde mit der Sitznachbarin noch ein Armband getauscht. Wenn man sich nur auf die sekundären Merkmale verließe, könnten Verwechslungen möglich sein.“  Ebenso zählen die körperlichen Beschreibungen zu Größe, Gewicht oder Tätowierungen, wie sie in der „ante-mortem“-Datei erfasst werden, zu den sekundären Merkmalen. Denn auch hier können Ungenauigkeiten nicht ausgeschlossen werden.

          Als primäre Identifizierungsmerkmale gelten hingegen drei Kriterien, die zumeist am Wohnort recherchiert wurden: Zahnstatus, Fingerabdruck und DNA-Muster. Diese werden mit den entsprechenden primären Identifikationsmerkmalen bei den geborgenen Opfern verglichen: Gibt es hier eine Übereinstimmung von mindestens einem primären Merkmal und keine widersprechenden sekundären Merkmale, gilt die Person als identifiziert. „Alles, was sonst bei einem Opfer an sekundären Merkmalen gefunden wird, muss widerspruchsfrei zu der vermuteten Person passen, dann ist die Identifizierung gesichert.“ Somit wird bei jedem Opfer die Liste der „ante-mortem“-Daten mit der Liste der „post-mortem“-Befunde verglichen – jedes „matching“ bringt die Identifizierung ein Stück weiter.

          Die Arbeit von Identifizierungsteams ist vor allem auch psychisch sehr belastend. Auf der einen Seite haben sie durch das Datenmaterial vielleicht das Bild eines lachenden Kindes am Strand vor Augen, in einer Momentaufnahme vom letzten Urlaub. Andererseits sind sie am Unglücksort mit dessen jähem Ende konfrontiert. „Es ist nie nur ein namenloses Opfer, es verbirgt sich immer ein Mensch, ein Schicksal dahinter.“ Auch würden manchmal die Angehörigen das Gespräch suchen und genaue Fragen zur Vorgehensweise stellen. „Hier ist dann größte Sensibilität geboten.“ Psychologen stünden während und nach dem Einsatz für die Mitarbeiter dieser Spezialeinheiten zur Verfügung. Aufgefangen werde der psychische Stress jedoch auch durch einen hohen Teamgeist. „Man rückt zusammen.“ Sie alle hätten ein gemeinsames Ziel: den Angehörigen Gewissheit zu verschaffen.

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