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Nach dem Germanwings-Absturz : „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist“

Menschen stehen vor den Kerzen am Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See. Bild: dpa

Eine Woche Fassungslosigkeit und Trauer: Wie die Menschen in Haltern, Düsseldorf, Le Vernet und Barcelona mit dem Absturz der Germanwings-Maschine umgehen. Der Vater eines britischen Opfers wendet sich an die Öffentlichkeit mit einer bewegenden Videobotschaft.

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          Der Schulleiter des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern, Ulrich Wessel, ist am Dienstagmittag bei einer Besprechung mit neunzig anderen Schulleitern aus Nordrhein-Westfalen im Havixbecker Stift Tilbeck, als ihm seine Sekretärin um 12.10 Uhr eine WhatsApp-Nachricht schickt: „Bitte unbedingt melden.“ Er verlässt die Besprechung und ruft sie an. Sie sagt, Eltern von Austauschschülern hätten angerufen, dass ein Flugzeug abgestürzt sei. In der Maschine, das ist Wessel sofort klar, könnten die 16 Schüler und zwei Lehrerinnen seiner Schule gesessen haben, die im Rahmen eines Schüleraustausches eine Woche in der Nähe von Barcelona verbracht hatten und am Vormittag zurückkommen sollten. Wessel sucht sich einen Computer und fängt an zu googeln. Schnell findet er heraus, dass die Flugroute Barcelona-Düsseldorf, die Fluggesellschaft Germanwings und auch die Uhrzeit des Fluges mit den Daten seiner Gruppe zusammenpassen. „Es war mir relativ klar, dass es unsere Schüler sein mussten. Aber man macht sich dann ja selbst was vor“, sagt er. „Man hofft, dass zwei Flüge in fünf Minuten Abstand gestartet sind, wegen einer Ausnahmeregelung oder so. Oder dass die Schüler und Lehrerinnen doch nicht mitgeflogen sind, wegen Krankheit oder vergessenem Pass vielleicht.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Um 12.55 Uhr ist Wessel, 56, wieder in der Schule, unter Missachtung der meisten Verkehrsregeln. Noch im Auto trommelt er telefonisch seinen aus Lehrern der Schule bestehenden Krisenstab für Bedrohungslagen zusammen, den es - vor allem für den Fall von Amokläufen - inzwischen an jeder Schule gibt. Die Eltern der Austauschschüler warten bei seiner Ankunft schon auf ihn; sie sind verzweifelt und sagen, dass sie ihre Kinder nicht mehr auf dem Handy erreichen können. Wessel kann nichts dazu sagen, denn er selbst weiß ja nicht mehr als sie. Zunächst einmal schickt er kurz vor dem Ende der sechsten Stunde alle Schüler per Lautsprecherdurchsage nach Hause. Er sagt: „Bitte verlasst in Ruhe das Schulgelände, es ist vermutlich etwas ganz Schlimmes passiert.“

          Keine Hoffnung auf Überlebende

          Um 14 Uhr ruft Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ihn an, sie hat eine Passagierliste, und so kommt die Gewissheit über den Tod von 16 Schülern und zwei Lehrerinnen in die Schule mit den grünen Fenstern und den gelben Jalousien. Eine Minute später tut Wessel das, was er als seine Pflicht ansieht. Er schickt die wartenden Eltern in einen Raum im ersten Obergeschoss der Schule und tritt dann in Begleitung des Bürgermeisters und zweier Lehrer vom Krisenstab den schwersten Gang seines Lebens an. „Ich habe ihnen gesagt, dass die Ministerpräsidentin bestätigt hat, dass unsere Reisegruppe mit an Bord war. Und dass leider keine Hoffnung auf Überlebende besteht. Ich habe ihnen gesagt, dass ihre Tochter, ihr Sohn niemals wiederkommen wird.“ Einige Eltern hätten aufgeschrien, andere geweint, andere geschwiegen.

          Draußen, vor der Schule, auf den Stufen vor dem Eingang, stehen am späten Nachmittag Hunderte Kerzen. Ein rot-weißes Plastikband sperrt einen kleinen Bereich vor der Treppe ab, aber die Schüler sind drum herum gegangen und stehen nun schweigend in Gruppen beisammen. Manche von ihnen weinen oder haben verquollene Augen, die meisten stehen im Kreis und gucken mit leeren Augen ins Nichts. Ein Vater, dessen Tochter auf die Schule geht, sagt: „Man denkt immer, in so einer kleinen Stadt passiert so etwas nicht.“ Bürgermeister Bodo Klimpel, 51, ein großer, kräftiger Mann im karierten Hemd, hat auf einer Pressekonferenz gegen 17 Uhr rot untermalte Augen und Tränen in den Augen. „Ich darf Ihnen versichern, dass das sicherlich der schwärzeste Tag in der Geschichte der Stadt ist“, sagt er. „Das ist so ziemlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.“

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