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Nach dem Germanwings-Absturz : „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist“

Schweigeminute in der Innenstadt Barcelonas

Gegen 9.30 Uhr macht sich ein langer Schülerzug auf den Weg von der Schule zur St.-Sixtus-Kirche. Sie laufen mitten auf der Straße, wie ein dunkler Lavastrom. Voran gehen Polizisten, hinten Notfallseelsorger. Die Schüler wirken zum Teil ernst und verhalten, zum Teil aber plappern sie auch fröhlich miteinander. Auf dem Weg zur Kirche passieren sie auch das Fotostudio Kortenkamp, das ein Schild auf den Gehweg gestellt hat: „Wir wünschen euch viel Kraft und Stärke.“ Der Mann, der im Laden steht, hat Bekannte, „die es auch erwischt hat“, und sagt, er habe nicht gewusst, „anders damit umzugehen. Ich sehe die Schüler jeden Tag vorbeilaufen, hin und her...“ Dann wendet er sich mit tränenden Augen ab.

Keiner lacht mehr

Nachdem die Schüler in der Kirche verschwunden sind, fährt um kurz vor zehn Uhr eine Kolonne dunkler Autos vor. Heraus steigen Kraft und Gauck. Eine große Menschenmenge - Rentner mit bestürzten Gesichtern, miteinander flüsternde Mütter mittleren Alters, ein paar Jugendliche - hat sich auf dem Kirchplatz versammelt, das Eiscafé „Dolomiti“ und das Stadtcafé, von wo aus man eine gute Sicht auf das Geschehen hat, platzen aus allen Nähten. Eine ältere Dame, die in der wartenden Menge steht, murmelt: „Man kann es gar nicht begreifen. Ich würd’ so gern auch in die Kirche gehen, aber dann verliere ich die Fassung.“

Eine Stunde später, als der Gottesdienst zu Ende ist, kommen die Schüler in einer langen Schlange wieder aus der Kirche heraus. Keiner von ihnen lacht mehr. Schweigend laufen sie an den Wartenden vorbei. Ein Mädchen mit einem Rosenstrauß in der Hand wirft sich schluchzend in die Arme einer Frau, die unter den Wartenden steht. Sie sagt: „Mama, ich ertrag’ das hier nicht mehr.“ Eine blonde, schwarz gekleidete Frau, die ebenfalls auf ihre Tochter wartet, die wiederum einige der Verstorbenen aus der Jugendarbeit der katholischen Kirche kennt, sagt mit Tränen in den Augen: „Die Wut und das Entsetzen haben alle Menschen in Haltern betäubt.“ Sie selbst habe einigen der betroffenen Familien kondoliert. „Man hat sich getragen, gehalten, damit keiner zerbricht.“ Für die Eltern der toten Schüler sei es unvorstellbar gewesen, dass der Absturz willentlich herbeigeführt worden sei. „Dadurch wird es für sie noch schwerer.“

„Wunden heilen, Narben bleiben“

Gegen 11.30 Uhr am Freitagmittag ist die Schule am Joseph-König-Gymnasium zu Ende. Die Osterferien beginnen, die Schüler schwärmen in alle Richtungen aus. Die Schule wird aber auch in den nächsten beiden Wochen geöffnet sein und psychologische Betreuung anbieten. Schulleiter Wessel will jeden Tag dort sein. Er sagt: „Wir werden diesen Tag nie vergessen. Wir werden die Erinnerung wachhalten. Wunden heilen irgendwann, aber Narben bleiben. Wir müssen einen Ort des Gedenkens schaffen.“ Ein Schüler habe gerade im Gottesdienst gesagt: „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist.“ Wessel will, dass es nie dazu kommt.

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