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Nach dem Germanwings-Absturz : „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist“

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Die ältere Schwester der 23 Jahre alten Asmae Ouahhoud sagt einem Gerichtsmediziner am Telefon: „Am Hochzeits-Henna auf ihren Händen werdet ihr sie erkennen.“ Ouahhoud, einst im marokkanischen Nador geboren, war mit vier Jahren nach Katalonien gekommen und nun, wie sie dachte, auf dem Weg in ein glückliches neues Leben in Deutschland. Denn Asmae hatte erst am vorigen Wochenende in ihrem Heimatort den 24 Jahre alten Mohammed Tahrioui geheiratet. Es war ein rauschendes Fest, wie die Schwester jetzt Journalisten berichtet. Mohammed arbeitet schon seit sechs Jahren in Duisburg für einen Automobilzulieferer. Die Stadt, nicht weit von Düsseldorf entfernt, war am Dienstag ihr Ziel. Doch stattdessen stürzt sie in den Alpen in den Tod.

Fünfzig der 149 Opfer des Ko-Piloten Andreas L. hatten die spanische Staatsangehörigkeit. Ein Drittel, die größte Gruppe nach den Deutschen. Und Spanien begeht die Abschiede nobel und solidarisch. Es gibt eine dreitägige Staatstrauer, eine Schweigeminute im Parlament, Trostworte von König Felipe VI. und Ministerpräsident Rajoy, Halbmast an vielen öffentlichen Gebäuden, Trauerflore im staatlichen Fernsehen und an den Antennen der Taxen in Barcelona. Einige wenige Opfer kamen aus Großbritannien - darunter auch Paul Bramley, dessen Vater Philip jetzt in einem bewegenden Videostatement sagte, dass das Tatmotiv des Kopiloten für ihn „nicht relevant“ sei.

Mit dem Klavier gegen die Sprachlosigkeit

Vor allem aber geht es um geteiltes Leid. Die Mitschüler, Lehrer und Gasteltern der 16 Halterner Austauschschüler zünden unter Tränen immer neue Kerzen an und wiederholen fast mechanisch vor den Mikrofonen das Wort „niedergeschmettert“. Sie zeigen sich auf den Handys die letzten gemeinsamen Fotos und hören die Lieder, die ihre Besucher aus Deutschland gesungen haben. Derweil spielt in der evangelischen Kirche in Barcelona ein Musiker aus dem Liceo für Mitglieder der Deutschen Schule Bach. Die vor mehr als einem Jahrhundert gegründete Schule hat ihren eigenen Grund, mit dem Klavier gegen die Sprachlosigkeit anzugehen. Gleich drei Väter von Schülern sind bei dem Absturz umgekommen.

Nur wer umbuchte, hat überlebt. Zu ihnen gehört David Cabanes, der wegen eines Terminwechsels in Düsseldorf seinen Flug um einen Tag vorverlegt. Manuel Blasco, der schon auf dem Flughafen ist, sich aber plötzlich wegen einer Darmgrippe unpässlich fühlt und sich von seiner Frau überzeugen lässt, nach Hause zu fahren. Einer schwedischen Fußballmannschaft ist plötzlich die Wartezeit beim Zwischenhalt in Düsseldorf zu lang. Und zwei junge Deutsche nehmen statt des Morgenfluges doch die Abendmaschine, weil sie noch den Fußballtempel des FC Barcelona besuchen wollen.

Dieses Glück war dem Sportlehrer Carles Milla nicht vergönnt. Der Vater einer einjährigen Tochter will noch zu Hause bei der Familie sein und verschiebt die Reservierung von Sonntag auf den schwarzen Dienstag.

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Freitag. Vor dem Rathaus in Haltern steht schon morgens um 9 Uhr Polizeiwagen an Polizeiwagen. Ministerpräsidentin Kraft, Bundespräsident Joachim Gauck und der Münsteraner Bischof Felix Genn werden erwartet. Der Himmel ist grau, es ist kalt, windig, und es nieselt. Schon jetzt ist spürbar, wie es hier nächste Woche aussehen wird - wenn dieser Ausnahmezustand der Belagerung vorbei ist.

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