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Nach dem Germanwings-Absturz : „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist“

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Andere sind bereits in Le Vernet eingetroffen, dem letzten Dörfchen vor der Unfallstelle von Flug 4U9525. Hier wohnt Yvette, eine zierliche Dame hohen Alters, die Freundlichkeit in Person, trotz eines frischen Armbruchs. Hundert Meter vor ihrer Haustür landet am Mittwoch ein Hubschrauber mit zwei ungewöhnlichen Besuchern: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande, zu denen sich dann auch der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy hinzugesellt.

Nach Flugzeugabstürzen gehen die Gedanken verständlicherweise zuerst zu den Opfern und ihrem Umfeld. Betroffen sind aber auch die Anwohner der Unfallstelle. Der Charakter der Gegend als beschauliche Bergregion zum Ferienmachen hat sich schlagartig verändert.

Privatleute stellen Betten bereit

Dennoch reagieren die Einheimischen mit ausgesuchter Höflichkeit auf den Ansturm. Yvette lässt die Journalisten in ihrem Heim ein und aus gehen, zeigt ihnen die Steckdosen zum Aufladen elektronischer Geräte und den Weg zur Toilette. In Le Vernet stellen Privatleute Betten für die angereisten Angehörigen bereit, auch wenn kaum Nachfrage besteht, weil diese möglichst schnell wieder abreisen wollen. Bergführer bieten an, die Wege zu zeigen, um sich zu Fuß der Unfallstelle zu nähern, auch wenn diese weiträumig abgesperrt ist und nur aus der Ferne betrachtet werden kann. Die Bürgermeister der Orte kümmern sich um das Organisatorische, soweit nicht die Präfektur oder das Innenministerium einschreitet.

Da ist etwa François Balique, seit 1977 Bürgermeister des 100-Seelen-Ortes Le Vernet. Unter der Woche arbeitet er als Anwalt in Paris, denn die kleinen Dörfer brauchen keine Vollzeit-Bürgermeister. Jetzt aber ist seine permanente Anwesenheit gefragt: Am Mittwoch erklärt Balique Merkel, Hollande und Rajoy die Gegebenheiten der Gegend und zeigt hinauf zur Absturzstelle, die sich hinter einem Berg versteckt. „Ich erklärte auch unsere Bereitschaft, hier einen provisorischen Gedenkstein zu errichten“, erzählt er.

In Le Vernet erinnert ein Gedenkstein in vier Sprachen an die Opfer des Absturzes.

Am Donnerstag ist es so weit: Blumensträuße ranken sich um den grauen Stein mit seinen Inschriften in vier Sprachen, ergänzt durch Kerzen und Fotos der Opfer. Die Angehörigen treffen am selben Tag in nicht weniger als sieben Bussen in Le Vernet ein. So viel Leid an einer Stelle lässt niemanden kalt. „Diese armen Leute“, stöhnt Yvette, die von ihrer Terrasse aus zuschaut.

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In Haltern erzählen sich inzwischen alle Schüler die Geschichte von jenem Mitschüler, der per Nachrückverfahren in letzter Minute auf die Liste für den Schüleraustausch gerückt war, dann aber nicht mitgeflogen ist, weil es ihm zu kurzfristig war. Es ist Donnerstag, der Tag, an dem bekannt wird, dass der Ko-Pilot die Maschine offenbar absichtlich hat abstürzen lassen. Eine ältere Dame steht an der Absperrung vor der Schule und sagt: „Der Pilot muss den Verstand verloren haben. Wenn einer aus dem Leben scheiden will, soll er das alleine tun.“

„Ratlos und fassungslos“

Auch Bürgermeister Klimpel ringt angesichts der neuen Entwicklungen um Fassung. Er ist „wütend, sprachlos und zutiefst geschockt“. Und er fragt sich, „wann der Albtraum, in dem wir uns befinden, endlich aufhört“. Schulleiter Wessel sagt: „Es ist noch viel, viel schlimmer, als wir gedacht haben. Es macht uns wütend, ratlos und fassungslos.“ Die Polizei hat die Angehörigen der Opfer besucht, um Haare und andere DNA-Spuren der Verstorbenen zu sammeln. Sie sollen dabei helfen, deren sterbliche Überreste in Frankreich zu identifizieren.

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