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Nach dem Germanwings-Absturz : „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist“

Bürgermeister Klimpel sitzt neben Wessel. Er hat sein kariertes Hemd vom Vortag gegen einen dunklen Anzug eingetauscht und fühlt sich „wie unter einer Glocke“. Er bemüht sich, Ruhe und Würde auszustrahlen, aber es gelingt ihm nicht. Sein Sohn geht auch auf das Joseph-König-Gymnasium, er ist nur ein Jahr jünger als die Schüler, die ums Leben gekommen sind. Klimpel kennt zwei Elternpaare gut, die nun ihre Kinder verloren haben. „Man kann sich nicht vorstellen, wie man wieder in den Alltag zurückkommen soll“, sagt er. Den betroffenen Familien gehe es sehr schlecht. Momentan befänden sich noch alle in Haltern, doch manche wollten ein Angebot der Germanwings annehmen, sie kostenlos nach Frankreich zu fliegen, zur Unglücksstelle.

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Ob das eine gute Idee ist - bei dieser Entscheidung werden Angehörigen der Passagiere am Mittwoch am Düsseldorfer Flughafen, wo noch immer welche von ihnen eintreffen, von Sabine Rau begleitet, der Leitenden Notfallpsychologin der Stadt. „Es geht darum, dass die Menschen wissen, was sie erwartet, ob ihr ganz persönliches Anliegen zu diesem Ort passt, ob das Abschiednehmen dort wirklich gelingt, ob die Reise der Verarbeitung dient.“ Manche entscheiden sich, lieber im Flughafen zu bleiben. Sie sagen, so Rau: Hier bin ich sicher.

Im Flughafen Düsseldorf wurden Kerzen und Blumen für die Opfer niedergelegt.

Am Tag zuvor, Dienstag, 11.30 Uhr, war in NRWs Landeshauptstadt gerade eine Fachtagung zum Thema psychosoziale Notfallversorgung zu Ende gegangen. Eingeladen hatte Rau, Fachleute vom Gesundheitsamt, von Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz, dem Technischen Hilfswerk, der Telefonseelsorge oder dem Weißen Ring sind in die Leitstelle der Düsseldorfer Feuerwehr gekommen. Die Damen und Herren wollen ein gemeinsames „Konzept zur psychosozialen Notfallversorgung bei sogenannten Großschadenslagen“ unterzeichnen. Ein Zufall. Ausgerechnet an diesem Tag. Es geht um strukturierte Abläufe und eine reibungslose Kommunikation, angemessene Präsenz und unaufdringliche Ansprache, um Vermittlung von Schutz und Sicherheit für Betroffene. Als die Fachleute ihr Konzept unterschrieben haben, stellen sie sich vor der Leitstelle zum Foto auf. Dann plötzlich ist die Großschadenslage da. Der Düsseldorfer Feuerwehrchef Peter Albers geht auf Rau zu, bittet sie und ihre vier Notfallpsychologen eilends zurück in die Leitstelle. Ein Flugzeug auf dem Weg nach Düsseldorf ist abgestürzt.

Schutzraum für die Hinterbliebenen

Am Flughafen Düsseldorf ist derweil ein Krisenstab zusammengetreten, der umgehend einen Notfallplan in Kraft setzt. Notfallseelsorger in blauen Westen mit der Aufschrift „Flughafen Care Team“ schwärmen aus. Ihre Aufgabe ist es, die Angehörigen, die im Ankunftsterminal auf Flug 4U9525 warten, mit ersten Informationen zu versorgen und sie in den VIP-Bereich des Airports zu führen, um sie abzuschirmen. Denn schon kommen die ersten Kamerateams. „Wenn wir Menschen in einer solchen Situation helfen wollen, dann kann das nur in einem absoluten Schutzraum gelingen“, so Rau.

Die Helferin zieht sich ihre rote Einsatzjacke an, die wie die Jacke eines Notarztes aussieht, nur dass auf ihren Rücken „Ltd. Notfallpsychologin“ steht. Den ganzen Tag über kommen Angehörige zum Flughafen. „Der Mensch will verstehen, was manchmal nicht zu verstehen ist. Er sucht in Informationen Halt.“ Manche klammern sich am Dienstag lange noch an die Hoffnung, dass das alles doch nicht wahr ist. Dass der eigene Mann, das eigene Kind doch nicht tot ist. „Das, was ich in diesen ersten Stunden erlebe, ist schwer in Sprache zu fassen. Wir haben keine Idee vom Leid dieser Menschen.“ Mit völlig normalen Menschen habe sie zu tun, sagt Rau - nur dass über sie eben völlig wahnsinnige Ereignisse hereingebrochen seien. Immer wieder kehren manche von ihnen in den nächsten Tagen an den Flughafen zurück. Manche übernachten sogar hier.

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