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Nach dem Germanwings-Absturz : „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist“

„Ein schwarzer Schleier“

Bryjak wehrte sich einige Zeit, Sänger zu werden. Die ersten Jahre des Gesangsstudiums soll er als Katastrophe empfunden haben. Doch nach ersten Auftritten entdeckte er die Liebe für die Oper. Seit 1996 war Düsseldorf seine Heimat. Regelmäßig erhielt Bryjak Einladungen aus Amsterdam, Paris, London, Zürich, Tokio - oder eben zuletzt aus Barcelona.

„Wir haben noch nicht verstanden, dass Oleg nicht wiederkommt“, wird Intendant Meyer später sagen. „Es zieht sich ein schwarzer Schleier durchs ganze Haus. Er beginnt in der Pforte, geht über die Bühne, quer durchs Ensemble, durch die Büros und bis in die Garderobe, wo Oleg immer saß vor den Aufführungen.“

***

Die Stadt Haltern am Mittwoch: Ausnahmezustand. Über Nacht haben sich in der Straße vor der Schule ein Dutzend Übertragungswagen eingefunden. Das Schulgebäude ist nun großflächig abgesperrt. Hinein dürfen nur noch die Schüler. Haltern mit den knapp 40 000 Einwohnern ist jetzt nicht nur geschockt von dem, was passiert ist, sondern auch von der Wissbegier der vielen Medienvertreter.

Der kleine Ort mit seinen beiden Kirchen und der rot gepflasterten Fußgängerzone ist unversehens zum Kristallisationspunkt der Katastrophe geworden. Während die restlichen Opfer des Flugzeugabsturzes aus aller Welt stammen, sind hier mehr als ein Dutzend ums Leben gekommen. „Fast jeder hat irgendeinen der Schüler gekannt“, sagt Pfarrer Ahls, „von daher sind alle betroffen.“ Haltern besteht aus sechs Dörfern, die Opfer stammen aus fünf davon. Selbst die Kinder im Kindergarten, sagt der Pfarrer, spürten den Ausnahmezustand. Haltern gibt dem Schrecken draußen in der Welt ein Gesicht - weil hier alles so gepflegt und bürgerlich aussieht, wird das Unglück umso unvorstellbarer.

„Lernen, damit umzugehen“

Am Vormittag besuchen Schulministerin Sylvia Löhrmann und der Germanwings-Geschäftsführer das Gymnasium. Die Schule fällt nicht aus, aber Unterricht findet auch nicht statt. Stattdessen versammeln sich Schüler und Lehrer zu einer Gedenkstunde in der Aula. Auch der Mann einer der getöteten Lehrerinnen ist gekommen. Alle werden von Löhrmann geimpft, nicht mit den Journalisten zu reden.

Schulleiter Ulrich Wessel, umgeben von Journalisten

Um 11 Uhr findet wieder eine Pressekonferenz im Rathaus statt. Schulleiter Wessel ist nun sichtlich mitgenommen von der Situation. Tiefe Falten haben sich in sein Gesicht gegraben, in der Nacht hat er keine Minute geschlafen, sondern ist um halb drei wieder in die Schule gefahren. „Das ist eine Tragödie, die macht einen sprachlos“, sagt er. „Wir müssen lernen, damit umzugehen. An unserer Schule wird nichts mehr so sein, wie es vorher war.“ Er muss eine Pause machen, bevor er weitersprechen kann.

Um Ruhe und Würde bemüht

Dann redet er über die beiden Lehrerinnen, die die Schüler begleitet haben. Eine habe im Oktober letzten Jahres geheiratet. Die andere Lehrerin hatte ihre Hochzeit schon geplant. Es sei das sechste Mal, dass ein Spanischkurs des Gymnasiums nach Llinars del Vallès in der Nähe von Barcelona geflogen sei. Stets gebe es für den Schüleraustausch mehr Anmeldungen als freie Plätze. So sei es auch in diesem Jahr gewesen. Aus vierzig Schülern habe man 16 für die Reise ausgelost. „Wie fühlen sich jetzt die, die nicht mitdurften? Und wie fühlen sich die Eltern der Schüler, die im Nachrückverfahren noch mit reingerutscht sind?“, fragt der Schulleiter.

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