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Nach dem Germanwings-Absturz : „Tot ist man erst dann, wenn man vergessen ist“

Stille in der Kirche

Auch vor der St.-Sixtus-Kirche in der Fußgängerzone, nur wenige Gehminuten von der Schule entfernt, stehen einige Mädchen. Sie haben ihre Freundinnen verloren, beste Freundinnen. So richtig glauben kann hier niemand, was passiert ist. „Ich kenne meine Freundin nur als glücklichen, freundlichen Menschen, der das nicht verdient hat. Sie war so lebensfroh, und jetzt wird sie von einem gerissen. Man weiß nicht, wie man mit der Situation umgehen soll“, sagt eine. Ein anderes Mädchen weint sehr laut in den Armen ihres Freundes. Zwei Mitschülerinnen stehen daneben und wissen nicht, was sie tun sollen. Notfallseelsorger gehen zwischen den Jugendlichen umher, andere stehen am Rand des Platzes.

Jugendliche vor der Kirche in Haltern am See

In der Kirche ist es hingegen ganz still. Hier haben sich Schüler und Lehrer versammelt, sie sitzen schweigend in den Bänken. Pfarrer Martin Ahls hat das große Wallfahrtskreuz mit Hilfe einiger Schüler von seinem angestammten Platz entfernt und mitten in die Kirche gestellt. Das passiert sonst erst an Ostern, aber Ahls hatte das Gefühl, „dass wir jetzt eine Mitte brauchen“. Um 19 Uhr findet ein Gottesdienst statt, der Weihbischof des Bistums Münster und der Superintendent der evangelischen Kirche sind gekommen. Alle weinen.

Fragt man Pfarrer Ahls, wie die Situation in der Stadt auf ihn wirkt, so antwortet er, dass der Karfreitag in Haltern vorzeitig angebrochen sei. Einige Menschen würden sich fragen: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Diese Frage sei ihm sogar ins Gesicht geschrien worden. „Das Gefühl, verlassen worden zu sein, ist da“, sagt er, „und man kann dann nicht antworten: ,Gott ist trotzdem bei Ihrem Kind.‘ Das wäre hohl. Man muss die Frage aushalten. Oder sagen: ,Ich weiß es auch nicht.‘ Ein frommes Wort gegen einen Schrei zu setzen, das können Sie vergessen.“

***

Als die Katastrophe geschieht, ist Christoph Meyer in der Luft. Der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein ist auf Dienstreise. „Nach der Landung in München schaltete ich mein Handy wieder ein und sah diese SMS, die mich traf wie der Schlag“, erzählt Meyer. Eine Kollegin des Gran Teatre del Liceu in Barcelona schreibt: „Es ist wahrscheinlich etwas ganz Schlimmes passiert.“ Oleg Bryjak, der Düsseldorfer Bassbariton, sitze wohl in dem Flugzeug, das gerade abgestürzt sei. „Wir wissen es noch nicht genau.“ Aber dann dauert es nicht lange, und Meyer erfährt, dass auch die in Düsseldorf geborene junge Altistin Maria Radner, die am Abend davor im Liceu zusammen mit Bryjak in Wagners „Siegfried“ sang, in dem Airbus saß. Die 33 Jahre alte Radner hatte auch ihr Baby und ihren Mann mit nach Barcelona genommen. Sie stand am Beginn einer großen Karriere, sollte in diesem Jahr auf dem Grünen Hügel singen - wieder zusammen mit Bryjak.

Der galt Kritikern als singendes Kraftpaket, hatte eine mitunter furchteinflößende Bühnenpräsenz - und einen ungewöhnlichen Lebensweg. Auf die Welt kam Bryjak 1960 in einem sowjetischen Straflager. Sein Vater hatte zunächst unter den Nationalsozialisten vier Jahre lang als Zwangsarbeiter schuften müssen; den Sowjets galt er dann als Verräter und wurde zu vielen weiteren Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Schulchor wurde man auf die ungewöhnliche Begabung des kleinen Oleg aufmerksam.

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