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Germanwings-Unglück : Die letzten acht Minuten

Ein Trümmerteil des abgestürzten Airbus A320 in den Alpen bei Seyne-les-Alpes. Bild: Reuters

Was geschah im Airbus 320 nach Düsseldorf? Der Atem des Kopiloten ist ganz regelmäßig – während der Kapitän an der Tür des Cockpits rüttelt und das Flugzeug die Felswand ansteuert.

          Totenstille. So beschreibt Staatsanwalt Brice Robin die letzten acht Minuten im Cockpit, „kein Wort, kein Schrei, kein Fluch, nichts, nichts“, sagt er. Dann radebrecht er nochmals auf Englisch für einen ausländischen Journalisten: „no word, nothing!“ Robin ist Staatsanwalt in der Verbrechenshochburg Marseille, ein erfahrener Jurist, den nichts so schnell erschüttert. Aber am Donnerstagmittag ist ihm anzumerken, wie unfassbar ihm das Geschehen im Germanwings-Airbus von Barcelona nach Düsseldorf erscheint. Bevor er vor die Journalisten tritt, hat er am Flughafen von Marseille eine Stunde lang mit 200 Angehörigen der Opfer gesprochen, spanischen und deutschen Familien, die er über den Stand der Ermittlungen informiert. „Das ist das mindeste, was wir ihnen schuldig sind“, sagt er. Sie sind auf der Durchreise zum Absturzort und sie bewegt vor allem die Frage: „Wussten die Flugpassagiere, dass sie in den Tod flogen?“ So erzählt es der Staatsanwalt und schluckt: „Und natürlich wollen sie auch wissen, wann sie die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen erhalten.“ Er habe sie um Geduld bitten müssen, denn die Bergungs- und Identifizierungsarbeiten könnten sich Wochen hinziehen. Jede Familie könne durch freiwillige DNA-Proben den Identifizierungsprozess beschleunigen. Auch die Familie des Kopiloten hat sich auf den Weg in die südlichen Alpen gemacht, weiß der Staatsanwalt.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mitten in der Nacht hatten die Ermittler der Flugunfallbehörde BEA in Le Bourget ihm die Ergebnisse der Auswertung der „Cockpit Voice Recorder“ genannten Flugschreibers gesendet. „Viel zu spät“ murrt der Staatsanwalt und spielt darauf an, dass einige Presseorgane vor ihm durch gezielte Indiskretionen an die Informationen kamen. Der Staatsanwalt hat die Tonaufzeichnungen nicht selbst angehört, aber schon der Wortlaut ist ein Protokoll des Grauens.

          Kein einziges Wort vom Kopilot

          Dabei beginnt Flug 4U9525 ganz harmlos. Während der ersten zwanzig Flugminuten nach dem Start in Barcelona herrscht im Cockpit gelöste, beinahe heitere Stimmung, sagt Robin. Flugkapitän Patrick S. und sein junger Kopilot Andreas L. unterhalten sich. Die Reiseflughöhe ist erreicht, die Wetterbedingungen sind gut. „Der Flugkapitän bittet den Kopiloten, das Flugkommando zu übernehmen“, trägt der Staatsanwalt aus dem Protokoll vor. Wahrscheinlich habe der Flugkapitän mal austreten müssen. „Dann hört man, wie ein Sitz zurückgeschoben und eine Tür geöffnet wird“, schildert Robin. Der Kopilot, 27 Jahre, hat von nun an alleine Kontrolle über das Flugzeug.

          „Er sagt kein einziges Wort, seit der Kapitän das Cockpit verlassen hat“, so der Staatsanwalt. Schweigend macht sich der Kopilot an der Kommandotafel zu schaffen und leitet sofort den Sinkflug ein. „Dann hört man, wie jemand Zutritt zum Cockpit verlangt“, sagt Robin. Aber der Kopilot antwortet nicht. Der Flugstimmenrekorder zeichnet Klopfgeräusche auf, erst schwach, dann immer stärker. Doch die Cockpittür wird nicht geöffnet, der Kopilot antwortet nicht. Auf dem Band seien nur regelmäßige Atemgeräusche zu hören gewesen. „Der Kopilot hat normal geatmet. Das spricht dagegen, dass er einen Herzinfarkt erlitten hat oder in Panik verfallen ist“, sagt der Staatsanwalt. „Am plausibelsten ist es, dass der Kopilot absichtlich die Tür nicht geöffnet hat“, sagt er. Der Sinkflug sei ebenfalls die Folge einer absichtlichen Handlung gewesen. Ein plötzlicher Ohnmachtsanfall, bei dem der Kopilot versehentlich an einen Kommandoknopf stößt, hätte den Sinkflug nicht auslösen können. Nach seiner Meinung sei es so, dass der Kopilot bewusst verhindert hat, dass der Kapitän die Cockpit-Tür mit einem Notfall-Code von außen öffnet. „Er hat vorsätzlich den Sinkflug eingeleitet“, sagt der Staatsanwalt.

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