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Germanwings-Flug 4U9525 : Kopilot kam als Jugendlicher häufig in Absturzgegend

  • Aktualisiert am

Blick vom Flugplatz in Sisteron in den französischen Alpen Bild: Reuters

Der Kopilot der abgestürzten Germanwings-Maschine soll bereits als Jugendlicher mehrmals zum Segelfliegen in die Unglücksregion in den französischen Alpen gereist sein. Das Luftfahrt-Bundesamt hat unterdessen seine Personalakte geprüft.

          Schon als Jugendlicher soll der Kopilot der abgestürzten Germanwings-Maschine die Unglücksregion in den Alpen gut gekannt haben. Das erklärte Dieter Wagner, Ehrenmitglied des Luftsportclubs Westerwald, gegenüber FAZ.NET. Seine Enkelin hatte zusammen mit Andreas Lubitz in Sisteron Fluglehrstunden absolviert. Lubitz' Eltern seien dorthin mit ihrem Flugverein gereist, sagte Francis Kefer vom Flugfeld in Sisteron dem französischen Sender iTele. Sisteron liegt gut 40 Kilometer westlich der Absturzstelle in den südostfranzösischen Alpen. „Zwischen 1996 und 2003 ist der Club aus Montabaur regelmäßig hierhergekommen“, sagt Kefer in dem Bericht vom Samstag. Auch der Kopilot sei damals mit seinen Eltern dabei gewesen. Der Verein sei zum Segelfliegen gekommen.

          Der Flugplatz von Sisteron in der Nähe der Absturzstelle

          An der Absturzstelle laufen seit dem frühen Morgen die Bergungsarbeiten wieder. Bilder des französischen Fernsehens zeigen, wie Hubschrauber in den Einsatz fliegen. Die Retter konzentrieren sich neben der Bergung und Identifizierung der Leichen weiter auf die Sicherung der Unfallstelle in dem schwierigen Gelände. Rechtsmediziner arbeiten bereits an der Identifizierung der sterblichen Überreste, die schon ins Tal gebracht wurden. In der Nähe der Absturzstelle in Frankreich eröffnet Germanwings am Samstag ein Betreuungszentrum für Angehörige. Weiter gesucht wird nach dem zweiten Flugschreiber des Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings. Er soll weitere Erkenntnisse zum Geschehen im Cockpit vor dem Absturz liefern.

          Hypothese eines technischen Defekts nicht ausgeschlossen

          Auch wenn nach bisherigen Erkenntnissen der Kopilot die Germanwings-Maschine zum Absturz gebracht haben soll, untersuchen die Ermittler weiterhin die Möglichkeit eines technischen Defekts. „Derzeit kann die Hypothese eines technischen Fehlers nicht ausgeschlossen werden“, sagte der Chef der in Düsseldorf eingesetzten französischen Ermittler, Jean-Pierre Michel, am Samstag dem französischen Sender BFMTV. Die Ermittlungen gingen voran, es fehlten aber noch „technische Details“. Bei den gemeinsamen Ermittlungen sollten Erkenntnisse vom Absturzort und dem Flugverlauf mit Ergebnissen der deutschen Ermittler verbunden werden, sagte Michel.

          Das Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig hat mittlerweile die Personalakte des Germanwings-Copiloten geprüft. „Wir haben Einsicht in die Unterlagen genommen und die Erkenntnisse mündlich an die Staatsanwaltschaft gegeben“, sagte Holger Kasperski vom Luftfahrt-Bundesamt am Samstag. Ein Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft erklärte, er könne dazu keine Angaben machen. Einen sogenannten SIC-Eintrag in der Akte des Copiloten wollte Kasperski nicht bestätigen. Die Abkürzung bedeutet in der Amtssprache, dass „besondere, regelhafte medizinische Untersuchung“ ratsam sind.

          Nach Angaben der „Welt am Sonntag“ sind die psychischen Probleme des Kopiloten nochmals größer gewesen als bisher schon angenommen. Bereits am Freitag war bekannt geworden, dass Andreas Lubitz offenbar psychiatrisch behandelt wurde. Die „Welt am Sonntag“ berichtet nun, dass die Ermittlungsgruppe „Alpen“ des Düsseldorfer Polizeipräsidiums eindeutige Erkenntnisse für eine schwere „psychosomatische Erkrankung“ gefunden habe. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Germanwings-Piloten in Düsseldorf hätten die Beamten eine Vielzahl von Medikamenten zur Behandlung der psychischen Erkrankung sichergestellt. Hinweise auf Rauschmittel oder eine Abhängigkeit von Drogen und Alkohol gebe es allerdings nicht.

          Wie die Zeitung weiter berichtet, litt Andreas Lubitz nach Auskunft des Ermittlers unter einem „starken subjektiven Überlastungssyndrom“ und war schwer depressiv: „Das geht aus persönlichen Aufzeichnungen hervor, die der Pilot abgelegt und gesammelt hat.“

          Zwei neue Kondolenzbücher jeden Tag

          Nachhaltige Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Deutschen scheint der Absturz der Germanwings-Maschine nicht zu haben: Tausende Menschen starteten am Samstag von den Flughäfen in Nordrhein-Westfalen in die zweiwöchigen Osterferien. Auch am  Düsseldorfer Flughafen bildeten sich vor den Abfertigungsschaltern Warteschlangen. Aber auch die Trauerstelle für die Absturzopfer in der Abflughalle ist so gut besucht, dass die Flughafenverwaltung täglich zwei neue Kondolenzbücher auslegt.

          Im Kölner Dom soll am 17. April mit einem Gottesdienst und einem staatlichen Trauerakt der Opfer des Absturzes gedacht werden. An der Veranstaltung werden Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) teilnehmen. Erwartet werden auch Vertreter aus Frankreich, Spanien und anderen Ländern, aus denen die Opfer der Flugkatastrophe stammten. Auch für die Bevölkerung soll es die Möglichkeit geben, der Trauerfeier im Dom beizuwohnen, sagte NRW-Regierungssprecher Thomas Breustedt. Eine Uhrzeit stehe noch nicht fest. Die Leitung des Gottesdienstes übernehmen der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski.

          Am Freitag war bekanntgeworden, dass der Kopilot des abgestürzten Airbus nach Erkenntnissen der Ermittler vor seinem Arbeitgeber Germanwings eine Erkrankung verheimlicht hat. Der 27-Jährige steht im Verdacht, auf Flug 4U 9525 den Piloten nicht mehr ins Cockpit gelassen zu haben und die Maschine mit 150 Menschen an Bord mit voller Absicht gegen einen Berg geflogen zu haben.

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