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Absturzstelle in Südfrankreich : „Es ist ein grauenvoller Anblick“

Ein Teil des abgestürzten Flugzeugs an der Unglücksstelle Bild: AFP

Die Bergungsarbeiten am Absturzort von Flug 4U 9525 gestalten sich außerordentlich schwierig – die Unfallstelle in den französischen Alpen ist schwer zugänglich. Tausende Metall- und Kunststoffteile verteilen sich über zerklüftete Schluchten.

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          Die ersten Helikopter sind um kurz vor acht Uhr gestartet. Sie setzen die schwierigen Bergungsarbeiten fort, die am Mittwochabend beim Einbruch der Dunkelheit abgebrochen werden mussten. Der Himmel über den weißen Berggipfeln ist grau verhangen, doch das Wetter ist nicht so schlecht, dass es die Rettungsmannschaften behindern dürfte. Im Lauf des Vormittags kommt allmählich die Sonne heraus.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Unten, in der Kleinstadt Seynes-les-Alpes, haben die Behörden für die Angehörigen eine provisorischen Empfangsraum eingerichtet. Weiße Tischdecken, lila Blumensträuße, Fahnen, Kerzenlicht und Kondolenzbücher sollen helfen, die angekündigten Familienangehörigen und Freunde möglichst schonend aufzunehmen. Zahlreiche psychologische Betreuer und Übersetzer sind eingetroffen, um Hilfe zu leisten.

          Das Flugzeug wurde bei dem Aufprall förmlich pulverisiert; die meisten Trümmerteile seien kaum mehr als einen Meter auf einen Meter groß, berichten Bergungshelfer. Offenbar sind nur wenige Wrackteile so groß wie dieses. Bilderstrecke

          Je weiter die Zeit fortschreitet, desto klarer wird jedoch eine grauenvolle Wahrheit: Der Aufprall auf den rund 1500 Meter hoch gelegen Felsen der südfranzösischen Alpen war so heftig, dass das Flugzeug in ungezählte Einzelteile zerschellt ist – und das gleiche gilt für die Insassen, wie die Bergungskräfte und Bergführer berichten. Auf einem Gebiet zwischen zwei und vier Hektar sind die Überreste verstreut. „So was habe ich noch nie gesehen“, sagt Jean-Marie Michel, ein 70 Jahre alter Landwirt, der hier im Sommer die Kühe hütet. „Das größte Stück, das ich sah, war vielleicht einen mal einen Meter groß“, meint der Bergführer Jean-Louis Bietrix.

          Tausende Teile aus Metall und Kunststoff

          Tausende Teile aus Metall und Kunststoff verteilen sich über zerklüftete, graubraune Schluchten. Er führte gestern die ersten Gendarmen an die Unfallstelle. „Es stinkt nach Kerosin, es ist ein grauenvoller Anblick“. Die Männer stehen in Le Vernet, dem letzten Dörflein auf dem Weg zur Unfallstelle. Von einem befestigten „Weg“ kann jedoch keine Rede sein. Von hier aus  braucht man einen Allradantrieb, um zwei Kilometer weiter einen beschwerlichen Fußmarsch von rund einer dreiviertel Stunde anzutreten. Es gibt keine Pfade, nur unbefestigtes Terrain. „Zu Fuß voranzukommen ist wahnsinnig beschwerlich“, berichtet die Bergführerin Claude Torres-Denaix.

          Brüchige, rutschige und steil abfallende Felsen mit Höhenunterschieden von 200 Metern kennzeichnen die Gegend. Manche Abhänge hätten eine Neigung von 75 Prozent, sagt Torres-Denaix; spezielle Kletterschuhe seien unverzichtbar. In der Nacht waren einige Gendarmen an der Unfallstelle zurückgeblieben. Am Morgen wurden sie abgelöst. Doch eine große Helferzahl konnte tagsüber nicht herangebracht werden. Im Tal ist von rund sechzig Gendarmen die Rede, die fortan die Unfallstelle absichern sollen.

          Journalisten versuchen die Unfallstelle zu erreichen

          An den wenigen Zufahrtswegen hat die Polizei Kontrollposten errichtet. Es geht darum, nicht nur Journalisten fernzuhalten, sondern auch alle möglichen anderen ungewünschten Besucher. Alle Beweismittel müssen geschützt werden, damit die Experten ein vollständiges Bild der Katastrophe bekommen können. Einige Journalisten und Kameraleute versuchen dennoch sich zu nähern: Ein Bergführer habe einige Journalisten nach oben führen wollen, sei jedoch von der Gendarmerie gestoppt und drei Stunden lang festgehalten worden, berichtet ein Kollege. Eine französische Fernsehjournalistin schaffte es auf die gegenüberliegende Seite der Absturzstelle, doch sie blieb immer noch weit entfernt.

          In Le Vernet ist für den Nachmittag eine kleine Zeremonie zum Gedenken an die Opfer vorgesehen. Auf einer Wiese wurde ein orangefarbenes Zelt aufgebaut. Dahinter befindet sich der braungraue Berg, der die eine Seite der Unfallstelle bildet. Nochmals weiter türmt sich eine verschneite Bergkette auf. Ab und zu unterbricht das Brummen und Pfeifen der Hubschrauber die Stille der ansonsten idyllischen Gegend. In anderen Zeiten würde man hier gerne Urlaub machen. Doch jetzt kreist in den Köpfen der Verantwortlichen nur die Frage, wie die schwierigen Bergungsarbeiten bewältigt werden können. Das ist die andere, schreckliche Wahrheit: Sie werden sehr lange dauern – wegen des schwierigen Zugangs zur Unfallstelle und wegen der Hinterlassenschaft von Flug 4U 9525, welche die Rettungskräfte als „pulverisiert“ bezeichnen.

          Die Einheimischen blicken am Mittwoch bedrückt auf die Gipfel ihrer südfranzösischen Alpen. Viele Männer kennen die Bergketten von der Jagd. Der 63 Jahre alte Bernard Bartolini, Bürgermeister des nahegelegen Dorfes Prads Haute-Bléone, hat sein Wohnzimmer mit ausgestopften Jagdtrophäen von Hirschen, Steinböcken und Wildschweinen dekoriert. Am Dienstagabend lud er einige Journalisten zu sich nach Hause ein.

          Der in Korsika geborene Bartolini verbrachte sein ganzes Leben er in der 190-Seelen-Gemeinde, er war bis zu seiner Pensionierung Wirt des einzigen Restaurants dort und ist seit fast vierzig Jahren Bürgermeister. Zur Unfallzeit war er nicht in der Gegend, seine Frau aber schon. Doch sie hörte nicht einmal einen Knall, sondern erfuhr von der Katastrophe erst, als die Polizei anrief. „Schade, dass wir uns bei so einem traurigen Anlass kennenlernen“, sagt der Bürgermeister beim Abschied. Wie recht er hat.

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