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Germanwings-Absturz : Piloten halten Zwei-Personen-Regel für sinnlos

Blick in ein A320-Cockpit. Kann eine Stewardess hier wirklich etwas gegen böse Absichten ausrichten? Bild: Reuters

Nach dem Absturz von Flug 4U 9525 wollen viele Fluglinien jederzeit zwei Crewmitglieder im Cockpit sehen. Erfahrene Piloten entgegnen, auch dann könne ein Pilot ein Flugzeug jederzeit abstürzen lassen. Sie sprechen von Schein-Aktionismus. 

          Der Mensch sucht nach Lösungen. Er ist so programmiert. Vor allem nach einer großen Katastrophe fragen sich die meisten, wie das Unglück hätte verhindert werden können. Das gilt natürlich auch für Flug 4U 9525, der 150 Menschen  den Tod brachte. Hier suchen nicht nur einzelne Menschen, sondern gleich die ganze Luftfahrtbranche samt ihrer Aufsichtsbehörden nach Lösungen.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Bisher gehen die französischen Ermittler davon aus, dass Kopilot Andreas Lubitz den Airbus A320 mit voller Absicht gegen einen Berg steuerte. In den letzten Minuten war er demnach allein im Cockpit. Den Kapitän des Fluges ließ er nach einem Toilettengang nicht mehr zurück ins Cockpit.

          Wer nun nach schnellen Antworten sucht, findet eine schnelle Antwort: Zu jeder Zeit muss eine zweite Person im Cockpit sein. Weil (vor allem aus Kostengründen) aber meist keine drei Piloten an Bord sind, soll künftig zumindest ein Steward oder eine Stewardess ins Cockpit kommen, um Abstürze wie in Frankreich zu verhindern.

          Es bringt nichts

          Bei amerikanischen Airlines ist dies schon länger vorgeschrieben. Ebenso verlangt Ryanair schon seit einiger Zeit, dass der Vorgesetzte des Kabinenpersonals kommen muss, wenn einer der Piloten das Cockpit verlässt. Viele weitere europäische Fluggesellschaften ziehen nun nach. Easyjet und Norwegian führten das „Zwei-Personen-Prinzip“ schon am Freitag ein. Auch Air Berlin ändert die Regeln. Die Lufthansa und Germanwings werden in Kürze folgen. In einer Mitteilung verkündet der Konzern: „Die Fluggesellschaften der Lufthansa Group führen vorsorglich ein neues Verfahren zur Cockpitbesetzung ein. Danach müssen sich während eines Fluges zu jedem Zeitpunkt zwei autorisierte Personen im Cockpit aufhalten. Die Passagier-Airlines der Lufthansa Group werden so schnell wie möglich in Abstimmung mit ihren jeweiligen Aufsichtsbehörden das neue Verfahren umsetzen.“

          Das klingt gut, das soll beruhigen. Nur: Es bringt nichts.

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          Hinter vorgehaltener Hand sprechen erfahrene Piloten einer großen Fluggesellschaft gegenüber FAZ.NET von „Scheinaktionismus“, der die Öffentlichkeit beruhigen solle. „Wenn ein Pilot will, kann er eine Maschine binnen zwei Sekunden unabänderlich abstürzen lassen.“ Ein sehr kraftvolles Drücken des Steuerknüppels während des Reiseflugs bringe die Maschine in einen Sturzflug. Ein gleichzeitiger kräftiger Tritt ins Seitenruder lasse sie zudem spiralförmig nach unten rasen. Auch ein Ausschalten der Triebwerke in kritischen Situationen – all das führe unabänderlich zum Absturz. „Die Stewardess klebt dann an der Decke oder bleibt hilflos in ihrem Sitz, falls sie schon angeschnallt ist.“

          Vielleicht sei die psychologische Hürde für einen selbstmordwilligen Piloten höher, wenn sich eine zweite Person im Cockpit aufhalte. Das sei aber Spekulation. Auch ein minutenlanger kontrollierter Sinkflug ins Verderben (wie bei der Germanwings-Maschine) sei dann nicht mehr möglich, weil die Stewardess den zweiten Piloten wieder ins Cockpit lassen könne. Alles in allem aber sei sicher: „Gegen einen geisteskranken, zum Selbstmord entschlossenen Piloten ist eine Stewardess machtlos.“ Wer hier die Sicherheit erhöhen wolle, müsse prüfen, ob regelmäßige psychiatrische Tests zielführend seien. Einfach nur einen Flugbegleiter ins Cockpit zu setzen, sei hingegen sinnlos.

          Auch Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit warnt davor, die Zwei-Personen-Regel zu überschätzen. „Eine Stewardess kann in den allermeisten Fällen nichts dagegen tun, wenn ein Pilot eine Maschine zum Absturz bringen will.“ Weil die Flugbegleiterin keine fliegerische Ausbildung habe, könne sie „gar nicht beurteilen, was der Pilot da macht“ – geschweige denn dagegen etwas unternehmen.

          Die Pilotengewerkschaft befürwortet das Zwei-Personen-Prinzip zwar als „erste vorläufige Maßnahme, um das Vertrauen wieder aufzubauen“. Beispielsweise könne der Flugbegleiter im Cockpit Hilfe holen, wenn der verbliebene Pilot auszufallen drohe. Gegen einen selbstmordwilligen Piloten sei ein weiterer Flugbegleiter im Cockpit aber „keine endgültige Lösung“.

          „Das gibt nicht 0,01 Prozent mehr Sicherheit“

          Auch Germanwings-Chef Thomas Winkelmann zweifelt an der Wirksamkeit des Zwei-Personen-Prinzips: „Ich frage mich, ob sich ein Mensch mit einer solchen Energie, einen kriminellen Akt zu begehen, von einem Flugbegleiter davon abhalten lässt.“ Ebenso warnt ein Sprecher von Air France vor „mehr Bürokratie und neuen Vorschriften“, die im Zweifel nichts nutzten. Ein anderer Luftfahrtexperte, der namentlich nicht genannt werden will, ist überzeugt: „Das gibt nicht 0,01 Prozent mehr Sicherheit.“

          Überhaupt warnen die Piloten vor „nicht sachgerechter, vorschneller Gesetzgebung“. Einzelne Politiker hätten nun Webcams im Cockpit gefordert, um die Tür zum Cockpit im Bedarfsfall vom Boden aus öffnen zu können. „Das ist natürlich kompletter Unfug, das verhindert gar nichts“, sagt Handwerg.

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