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Germanwings-Absturz : Noah hilft nach jedem Unglück

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An der Seite von Angehörigen: Ein Mitarbeiter des Noah-Kriseninterventionsteams begleitet Hinterbliebene zur Absturzstelle des Germanwings-Flugzeugs. Bild: Reuters

Terroranschläge, Busunglücke, Tsunamis – wenn der Ausnahmezustand herrscht, koordinieren die Mitarbeiter eines Bonner Amtes die Hilfe für Angehörige. So auch jetzt nach dem Germanwings-Absturz. Ein Besuch.

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          Sie sitzen in einem gewöhnlichen Büroraum in einem gewöhnlichen Bürohaus an einer gewöhnlichen Straße in Bonn. Ein halbes Dutzend Bürostühle stehen an einem großen Tisch gegenüber. Rundherum sitzen Frauen und Männer, sie telefonieren, lassen Informationen auf Bildschirmen auflaufen, tauschen sich aus. Sie sprechen nicht mehr und nicht lauter als notwendig, arbeiten konzentriert und haben doch den anderen immer im Blick.

          Sie sind routiniert, auch wenn ihre Aufgabe alles andere als leicht ist: Seit dem 24. März sind sie damit beschäftigt, die Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Seealpen zu betreuen, Kriseninterventionsteams auf den Weg zu schicken und mit der Düsseldorfer Staatskanzlei den Trauerakt am 17. April im Kölner Dom vorzubereiten. Ihr Arbeitsplatz ist der Noah-Hotline-Raum im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Noah, der Name des Erbauers der rettenden Arche, steht für „Koordinierungsstelle Nachsorge, Opfer- und Angehörigenhilfe“ der Bundesregierung.

          Die Broschüre, die 2012 zehn Jahre nach Gründung der Noah erschien, ist ein Album des Grauens. Am 11. September 2001 hatten Terroristen ein Flugzeug ins World Trade Center in New York gesteuert. Ein gutes halbes Jahr später, am 11. April 2002, hatte ein Lastwagen, der mit Flüssiggas beladen war, die La-Ghriba-Synagoge auf Djerba gerammt. 21 Touristen kamen ums Leben, unter ihnen 14 Deutsche. Und im Oktober 2002 waren 202 Menschen, unter ihnen sechs Deutsche, beim Terroranschlag auf Bali getötet worden.

          Diese drei Terrorakte in so kurzer Zeit veranlassten die Bundesregierung, die helfende Arche zu bauen. Das Team leistet bis zu 40 Einsätze im Jahr. In den ersten zehn Jahren waren es 21 Terroranschläge, 35 Geiselnahmen und Entführungen, acht Evakuierungen und Ausreisehilfen - wie aus dem vom Krieg erfassten Syrien -, 17 Naturkatastrophen wie der Tsunami 2004, 18 Flugzeugunglücke, 37 Busunglücke, 21 Schiffsunglücke wie das der „Costa Concordia“ sowie 60 sonstige Unglücke und Sondereinsätze.

          „Die Angehörigen sind überall, rund um die Uhr“

          Auch vom Absturz des Germanwings-Flugzeugs am 24. März um kurz vor elf erfuhr das Noah-Team umgehend. Sofort habe ihre Arbeit begonnen, sagt die Leiterin der Koordinierungsstelle, Jutta Helmerichs. Sie sandte das Kriseninterventionsteam München an den Unglücksort, weil es kompetent sei und viel Erfahrung habe. Schon am ersten Tag waren vier Interventionskräfte in den südfranzösischen Alpen. Seither werden sie im Abstand von drei Tagen ausgetauscht, „denn es erschöpft, wenn man die ganze Zeit mit den Betroffenen zusammen ist. Die Angehörigen sind überall, rund um die Uhr“, sagt die Teamleiterin. Im Wechsel sind so 20 Noah-Helfer am Unglücksort. Das Technische Hilfswerk sichert die Logistik, die Lufthansa organisiert den Transport.

          Zum Kernteam von Noah gehören elf Mitarbeiter, unter ihnen eine Psychologin, eine Psychotherapeutin, eine Verwaltungswirtin, ein Theologe, eine Trauerbegleiterin, eine Medienwissenschaftlerin, Sozialwissenschaftler und ein Fachmann aus dem Rettungsingenieurwesen. „Die Multiprofessionalität“, sagt Jutta Helmerichs, „ist eine unserer Stärken.“ Sie selbst ist Soziologin. Sie habe den Umgang mit „persönlichen Katastrophen“ während ihrer Zeit in der Göttinger Rechtsmedizin erlernt, als sie erkannte, wie wichtig die Betreuung von Angehörigen, aber auch von Helfern, von Rettungskräften und Polizisten ist. Einer ihrer ersten großen Einsätze war das ICE-Unglück von Eschede, das sich am 3. Juni 1998 gegen 11 Uhr ereignete. Schon am Nachmittag war sie damals am Unfallort und leitete schließlich die koordinierende Stelle zur Einsatznachsorge.

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