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Kopilot des Airbus  : „Er hat die ganze Zeit kein Wort gesprochen“

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Das Cockpit des abgestürzten Germanwings-Airbus. Dieses Foto nahm ein Planespotter kurz vor dem Unglück am Flughafen Düsseldorf auf. Bild: dpa

Laut Staatsanwaltschaft hat der 28 Jahre alte Kopilot den Germanwings-Airbus absichtlich abstürzen lassen. Der Pilot versuchte vergeblich, wieder ins Cockpit zu gelangen. Die Passagiere an Bord merken wohl erst sehr spät, welches Drama sich abspielte.

          Nach zwei Tagen Rätselraten sind sich die Ermittler nun relativ sicher, wie es zum Unglücks der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen kam. Der Kopilot, der 28-jährige Andreas L., hat das Flugzeug nach Einschätzung der Justiz vermutlich absichtlich abstürzen lassen. Er habe – zu dem Zeitpunkt allein im Cockpit – den Sinkflug der Maschine bewusst eingeleitet, sagte der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, am Donnerstag am Flughafen Marignane. „Es sieht so aus, als habe der Kopilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und damit zerstört“, sagte Robin.

          Dem Staatsanwalt zufolge ist in der Sprachaufzeichnung aus dem Cockpit zu hören, wie sich Pilot und Kopilot zu Beginn des Fluges etwa zwanzig Minuten lang normal unterhielten. „Man könnte sagen heiter, höflich, wie normale Piloten während eines Flugs.“

          Dann habe der Pilot den Kopiloten darum gebeten, das Kommando zu übernehmen und das Cockpit verlassen - offenbar, um auf die Toilette zu gehen. „Man hört das Geräusch eines Sitzes, der nach hinten geschoben wird, und einer Tür, die sich schließt.“ Danach sei zu hören, wie der Kopilot auf dem sogenannten Flight Management System den Sinkflug einstelle. „Die Aktion auf diesem Höhenregler kann nur gewollt gewesen sein“, sagte Robin.

          Laut den Erkenntnissen der Ermittler versuchte der Pilot erfolglos, wieder ins Cockpit zu gelangen. „Man hört mehrere Rufe des Bordkommandanten, der Einlass in das Cockpit verlangt, über (...) eine Gegensprechanlage mit Video“, so der Staatsanwalt. „Man kann also sagen, dass er sich gezeigt, identifiziert hat. Aber es gab keine Antwort des Co-Piloten.“ Zunächst höre man ein Klopfen an der Tür, später Schläge. Allerdings habe der Kopilot den Zugang verweigert.

          Bis zum Absturz der Maschine seien von ihm ausschließlich Atemgeräusche zu vernehmen gewesen. „Er hat die ganze Zeit kein einziges Wort gesprochen“, sagte Robin. Es sei „nicht die Atmung von jemandem, der gerade einen Infarkt erleidet.“ Man habe anhand der Aufzeichnung „nicht das Gefühl, dass er Panik hatte“. Daher sei davon auszugehen, dass der Kopilot bei vollem Bewusstsein und komplett handlungsfähig gewesen sei. Während der acht Minuten Sinkflug vor dem Zerschellen der Maschine habe es zahlreiche Ansprachen vom Tower in Marseille gegeben. Darauf habe der Kopilot aber nicht reagiert.

          In den Sekunden vor dem Aufprall seien die Alarmsignale losgegangen, die der Besatzung eine gefährliche die Nähe zum Bodens anzeigen sollen. „Dann hört man heftige Schläge gegen die Tür wie um sie aufzubrechen.“ Unmittelbar vor dem Zerschellen der Maschine ist laut Robin auf der Aufzeichnung zu hören, wie der Airbus ein erstes Mal aufsetze - offenbar, weil das Flugzeug einen Berggipfel rammte. Danach brach die Aufzeichnung ab. 

          Motiv noch unklar

          Die Passagiere an Bord haben nach Angaben des Staatsanwalts erst sehr spät bemerkt, was passiert ist: „Wir haben erst in den letzten Momenten die Schreie aus der Kabine gehört.“  Es sei davon auszugehen, dass der Tod sofort eingetreten sei. Die Maschine sei wegen ihres Aufpralls mit einer Geschwindigkeit von 700 Stundenkilometern „im wahrsten Sinne des Wortes explodiert“.

          Auf einen terroristischen Hintergrund deute derzeit nichts hin, sagte Robin. Das Motiv des Kopiloten sei noch völlig unklar. Dies müsse nun im Verlauf der weiteren Ermittlungen geklärt werden. „Wir haben von den deutschen Justizbehörden Informationen über das persönliche, familiäre, auch das berufliche Umfeld erbeten.“

          Andreas L. war seit September 2013 für die Fluggesellschaft tätig. Eine Lufthansa-Sprecherin sagte, der Kopilot habe 630 Flugstunden absolviert. Vor der Anstellung sei der Mann an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa, der Muttergesellschaft von Germanwings, in Bremen zum Piloten ausgebildet worden.

          Einsatzkräfte an der Absturzstelle in den französischen Alpen Bilderstrecke

          Beim Crash der Germanwings-Maschine in einer unwegsamen Bergregion in den französischen Alpen waren am Dienstag alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Am Mittwoch wurden die ersten Opfer geborgen. Sterbliche Überreste der Getöteten seien am späten Mittwochnachmittag von der Unglücksstelle weggebracht worden, bestätigte ein Polizeisprecher in Digne. Zugleich ging die Suche nach dem zweiten Flugschreiber in dem Trümmerfeld weiter.

          Der Polizeisprecher in Digne ließ offen, wie viele Leichen geborgen wurden. Kleinteilige Trümmer des Airbus A320 lagen weit verteilt in dem abgelegenen Tal bei Seyne-les-Alpes. Die Suche nach den Getöteten war am Abend mit Einbruch der Dunkelheit eingestellt worden und soll am Donnerstag weitergehen. Neben der Suche nach dem zweiten Flugschreiber arbeiten die Bergungskräfte an der Ortung der Opfer.

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