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Haltern am See : Trauern, Trösten, Schweigen

  • -Aktualisiert am

Die Trauernden kommen zum Joseph-König-Gymnasium, um Kerzen aufzustellen. Bild: dpa

In Haltern am See geht es für Angehörige und Freunde der Opfer vom Joseph-König-Gymnasium derzeit eigentlich nur ums eines: in ihrem Schmerz irgendwie durch den Tag zu kommen. Fünfzig Helfer versuchen, sie dabei zu unterstützen.

          Am Anfang war noch ein Fünkchen Hoffnung. „Vielleicht haben die Schüler ja den Flug verpasst. Vielleicht gibt es zwei Flüge zur ähnlichen Zeit.“ Auch einen Tag, nachdem Schulleiter Ulrich Wessel von dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs erfahren hat, ringt er noch um Fassung. „Nach einer halben Stunde war dann eigentlich klar, dass unsere Schüler in dem Flugzeug saßen.“

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Wessel ist seit zehn Jahren am Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See. Er sagt, er habe Verantwortung. Deswegen stellte er sich am Mittwochvormittag im Rathaus den Fragen der Presse. Es waren etliche Zeitungs-, Radio- und Fernsehteams aus der Region, aus dem übrigen Land, aber auch aus Schweden, Spanien und Amerika gekommen. Im Ratssaal war kaum mehr ein Platz frei. Wessel schilderte ihnen, wie er, nachdem er Gewissheit über das Unglück hatte, die Eltern einzeln anrief und sie bat, zur Schule zu kommen. „Das brauche ich kein zweites Mal in meinem Leben“, sagte der Schulleiter.

          An seiner Seite saß auch Sylvia Löhrmann (Die Grünen), die stellvertretende Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen und Schulministerin des Landes. Schon um 7 Uhr war sie in dem Gymnasium, um gemeinsam mit Schülern und Lehrern zu trauern, zu trösten, aber auch zu schweigen. Jeder gehe anders mit dem Tod der 16 Zehntklässler und der zwei Lehrerinnen um, die auf dem Weg zurück von einem Schüleraustausch in der Nähe von Barcelona waren.

          Plätze für die Reise ausgelost

          Die verunglückten Schüler waren für die verhängnisvolle Spanien-Reise ausgelost worden. Weil es für die Teilnahme am achttägigen Austauschtrip in die Nähe von Barcelona mehr Bewerber gegeben habe als Plätze, sei das Los auf die nun ums Leben gekommenen Mädchen und Jungen gefallen, sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung. Mindestens einer der Schüler sei über die Nachrückliste zur Reisegruppe dazugestoßen. Nach Informationen der „Halterner Zeitung“ hatten sich 40 Schüler für die Reise beworben - 14 Schülerinnen und zwei Schüler seien ausgewählt worden.

          Sylvia Löhrmann sagte während der Pressekonferenz, dass man den Schmerz über deren Tod nicht nehmen, sondern nur teilen könne. 50 Helfer seien zur Zeit in der Schule; am Morgen hatte es keinen normalen Unterricht gegeben, aber der Schulleiter hatte die Schüler trotzdem gebeten zu kommen. Der Rhythmus der Schule könne auch stützen.

          Auch Bürgermeister Bodo Klimpel versucht nun, Schüler und Eltern der verunglückten Kinder zu halten – „wenn das denn irgendwie geht“. Germanwings habe den betroffenen Eltern angeboten, sie nach Südfrankreich zur Unglücksstelle zu fliegen; wer nicht fliegen wolle, werde auf anderem Wege dorthin gebracht. Laut dem Bürgermeister seien bislang aber alle Eltern in Haltern am See geblieben.

          Schulleiter Ulrich Wessel bei der Pressekonferenz in Haltern

          Einige legten Blumen auf den Treppenstufen vor dem Gymnasium nieder, andere zündeten Kerzen an. Sie versuchen, wie es der Bürgermeister ausdrückte, „irgendwie durch den Tag zu kommen“. Morgen soll es um 10.53 in ganz Nordrhein-Westfalen eine Schweigeminute geben. Zu dieser Zeit hatte Flug 4u9525 von Barcelona nach Düsseldorf zum letzten Mal Funkkontakt zum Boden.

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