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Germanwings-Absturz : Er wollte ihren Tod

Der Kopilot der abgestürzten Germanwings-Maschine Andreas Lubitz, fotografiert im Jahr 2009 in Hamburg Bild: AP

Der zweite Flugschreiber bestätigt, dass Kopilot Andreas Lubitz die Germanwings-Maschine vorsätzlich abstürzen ließ. Bis zuletzt bediente er die Instrumente.

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          Die ganze Nacht lang haben französische Ermittler in Le Bourget Flugdaten des zweiten Flugschreibers ausgewertet, am Karfreitag treten sie dann mit der bitteren Erkenntnis vor die Öffentlichkeit: Germanwings-Pilot Andreas Lubitz flog die 149 Menschen an Bord des Airbus 320 am 24. März vorsätzlich in den Tod.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Die erste Auswertung des Flugdatenschreibers bestätigt die These eines absichtlich verursachten Absturzes in den französischen Alpen. Das teilte die französische Luftunfallermittlungsbehörde „Bureau d’Enquêtes et Analyses“ (BEA) in einem Kommuniqué mit. Bislang hatte der ermittelnde Staatsanwalt in Marseille, Brice Robin, noch zu Vorsicht gemahnt und gesagt, auch ein technischer Defekt als Absturzursache dürfe nicht ausgeschlossen werden. Doch jetzt erhärtet sich der Verdacht, dass der Kopilot vorsätzlich und somit willentlich den Tod der Flugpassagiere und der Besatzung herbeigeführt hat.

          Bewusstlosigkeit wird nun ausgeschlossen

          Die Analyse des Flugdatenschreibers hat ergeben, dass Lubitz bis kurz vor dem Aufprall aktiv die Instrumententafel bediente. So stellte er den Autopiloten zunächst auf Sinkflug und auf eine Höhe von etwa 30 Metern ein und beschleunigte danach die Geschwindigkeit in den verbleibenden acht Minuten mehrmals. Eine Handlungsunfähigkeit des Kopiloten, etwa durch Bewusstlosigkeit wegen eines Infarkts oder durch giftige Cockpitgase, ist damit ausgeschlossen.

          Schon die regelmäßigen Atemgeräusche, die vom Stimmenschreiber im Cockpit aufgezeichnet worden waren, hatten darauf hingedeutet, dass der Kopilot bis zum Aufprall bei vollem Bewusstsein war. Nun bestätigt sich der Verdacht, dass Lubitz nicht fahrlässig, sondern vorsätzlich tötete. „Eine erste Auswertung zeigt, dass der im Cockpit anwesende Pilot den Autopiloten genutzt hat, um das Flugzeug in einen Sinkflug auf eine Höhe von 100 Fuß zu bringen. Dann hat der Pilot während des Sinkflugs mehrfach die Einstellungen des Autopiloten geändert, um die Geschwindigkeit des sinkenden Flugzeugs zu erhöhen“, heißt es im BEA-Kommuniqué.

          Der sogenannte Flight Data Recorder (FDR) war am Donnerstag nach langer Suche von einer Gendarmin unter Geröll und Trümmerteilen gefunden worden. „Ich suchte nach Kleidungsstücken und stieß eher zufällig auf das verkohlte Teil. Zum Glück hatten wir am Morgen Fotos von Flugschreibern nach Flugzeugunglücken bekommen, so dass ich ihn identifizieren konnte“, sagte Gendarmin Alice C. aus Chamonix im Fernsehen. Der Flugschreiber habe die gleiche Farbe wie der Felsen gehabt. Die Bergungsarbeiten am Absturzort werden nicht von der Polizei, sondern von der Gendarmerie geleitet, die über im Gebirge geschulte Spezialeinheiten verfügt. Die Luftfahrtbehörde BEA zeigte Fotos vom zweiten Flugschreiber, von dessen oranger Signalfarbe nichts mehr zu erkennen war. Er ist vielmehr stark verbeult und schwarz verkohlt. Dies mag erklären, warum die Suche nach ihm so lange dauerte. Der erste Flugschreiber war noch am Tag des Absturzes gefunden worden.

          Lubitz bot Kapitän wiederholt an, er könne zur Toilette gehen

          Auf dem Flugdatenschreiber sind nach Angaben Robins 500 Parameter gespeichert, unter anderem Daten zur Geschwindigkeit, Flughöhe, dem Neigungswinkel des Flugzeugs und zu den Triebwerken. Der „Flight Data Recorder“ erhält von der Elektronik des Flugzeugs auch Meldungen über das Ein- und Abschalten einzelner Teilsysteme wie dem Autopiloten. Die komplette Auswertung des Flugdatenschreibers wird nach Angaben des BEA noch mehrere Tage in Anspruch nehmen.

          Dennoch sind die Ermittlungen gut eine Woche nach dem Absturz schon weit vorangekommen. Die französischen Behörden gehen davon aus, dass der Kopilot nach Flugbeginn nur auf die Gelegenheit wartete, den Flugkapitän aus dem Cockpit auszusperren, um seinen Mordplan umzusetzen. Darauf deuten auch die vom Stimmenschreiber aufgezeichneten wiederholten Angebote an den Flugkapitän hin, er könne jetzt zur Toilette gehen.

          Verbeult und verkohlt: Diese Fotos zeigen den endlich entdeckten Flugdatenschreiber des abgestürzten Germanwings-Fluges 9525.

          Dass sich Lubitz auf den Todesflug vorbereitet hatte, darauf weisen auch neue Erkenntnisse des Landeskriminalamts in Düsseldorf hin. Die Ermittler durchforsteten den Computer des Kopiloten. In den Wochen vor der Katastrophe soll er wiederholt im Internet zum Thema Suizid sowie zur Sicherheit von Cockpittüren recherchiert haben. In der Wohnung des Kopiloten wurden zudem Antidepressiva sichergestellt.

          Nach einem Bericht des Magazins „Spiegel“ durchsuchte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf zudem mindestens fünf Arztpraxen, bei denen Lubitz vorstellig geworden sein soll. Der Kopilot soll unter anderem Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie konsultiert haben. „Für einen jungen Mann hat er eine erstaunliche Anzahl von Ärzten konsultiert“, wird eine ungenannte Quelle aus dem Ermittlerkreis zitiert.

          Frankreich erwägt Ermittlungen gegen Germanwings

          Auch bei der Identifizierung der Opfer gab es Fortschritte. Laut Staatsanwalt Robin konnten inzwischen 150 verschiedene DNA-Profile aus den 2285 DNA-Proben von der Absturzstelle isoliert werden. Die DNA-Profile müssten nun noch mit Proben abgeglichen werden, welche die Familien übergeben hätten. Diese Arbeit werde nächste Woche beginnen und könne „drei bis fünf Wochen“ dauern. Am Unglücksort wurden zudem 42 „sehr beschädigte“ Handys gefunden, sagte Robin. Die Möglichkeit einer Auswertung bewertete der Staatsanwalt „skeptisch“. Mehrere Medien hatten in den vergangenen Tagen über ein angebliches Handy-Video mit den letzten Augenblicken an Bord des Flugzeugs berichtet.

          Vier Ermittler der Sonderkommission „Alpen“ sind inzwischen vom Absturzort in der Nähe von Seyne-les-Alpes wieder nach Düsseldorf zurückgekehrt. Die französische Staatsanwaltschaft in Marseille erwägt offenbar auch Ermittlungen gegen Germanwings und deren Muttergesellschaft Lufthansa. Es müsse geklärt werden, inwieweit der Arbeitgeber seine Aufsichtspflicht vernachlässigt habe.

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