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Germanwings-Absturz : Das tödliche Geheimnis des Andreas Lubitz

Andreas Lubitz beim Frankfurter Halbmarathon im März 2010 Bild: Getty

Als „ganz normal“ wird der Kopilot beschrieben, der die Passagiere des Germanwings-Flugs von Barcelona nach Düsseldorf mit in den Tod riss. Aber wie normal ist ganz normal?

          Der französische Staatsanwalt Brice Robin aus Marseille verkündete eine Katastrophe nach der Katastrophe, als er am Donnerstag über den Kopiloten des Germanwings-Airbus sagte: „Es war sein Wille, dieses Flugzeug zu zerstören.“ Ulrich Wessel, der Schulleiter des Gymnasiums in Haltern, das durch die Katastrophe 16 Schüler und zwei Lehrerinnen verloren hat, sagte, es sei „noch viel, viel schlimmer, als wir gedacht haben“. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: „So etwas geht über jedes Vorstellungsvermögen hinaus.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein Unfall, ein Unwetter, menschliches Versagen: All das wäre womöglich noch irgendwie zu fassen gewesen. Aber dass ausgerechnet ein Mann, dem nach intensivem Training das Leben Hunderter Menschen anvertraut wurde und der dieses Vertrauen bislang nicht enttäuscht hatte, dass also dieser Mann die Kontrolle über sein eigenes Leben verliert und zum Massenmörder wird – das schien trotz weniger ähnlicher Vorfälle in der jüngeren Vergangenheit undenkbar zu sein.

          Menschlicher Ausnahmezustand

          Die Frage, warum das Unfassbare geschah, warum das Flugzeug mit 150 Personen an Bord abgestürzt war, richtet sich seither an Andreas Lubitz, einen jungen Mann aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur, 27 Jahre alt, der immer schon Pilot werden wollte, aber zunächst nur Flugbegleiter wurde, der mit seinem Bruder die erste Etage des schmucken Elternhauses bewohnte, der seit September 2013 bei der Lufthansa-Tochter Germanwings flog und schließlich 630 Flugstunden absolviert hatte. Warum sollte er sich selbst töten und dabei 149 Menschen mit in den Tod reißen? Warum wollte er nicht nur Selbstmörder, sondern auch Massenmörder sein? Warum? Hätte man es wissen müssen?

          Die Frage können schon Wissenschaftler nicht genau beantworten und könnte uns vielleicht nicht einmal Andreas Lubitz selbst beantworten, wenn er noch lebte. Denn nicht nur auf die Frage, warum Menschen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt, in einer bestimmten Art und Weise das Leben nehmen, gibt es für Angehörige und für die Öffentlichkeit oft keine Antwort. Auch die Wissenschaft kann bis heute nicht genau erklären, welche Vorgänge im Gehirn zu suizidalen Gedanken führen.

          Zwar habe man bei der Untersuchung von Suizid-Opfern im Gehirn biochemische Veränderungen feststellen können, sagt Andreas Reif, Psychiatrieprofessor an der Frankfurter Uniklinik. Diese Veränderungen seien aber nicht mit einer einzigen Ursache zu erklären. Selbst Patienten, die einen Suizidversuch überlebt hätten, „können im Nachhinein, wenn sie wieder gesund sind, nicht nachvollziehen, manchmal nicht mal erklären, was in ihnen vorging“. Das Gefühl der Suizidalität sei ein menschlicher Ausnahmezustand, der das Fühlen und Denken grundsätzlich verändere.

          Das erklärt auch, warum es so schwer ist, zu erkennen, ob jemand einen Suizid verüben könnte oder nicht. Auch gebe es, sagt Reif, deshalb nicht das eine Zeichen, das auf einen geplanten Suizid hinweist. Risikofaktoren seien gewiss eine psychische Erkrankung, frühere Suizid-Versuche, belastende Lebensereignisse, sozialer Rückzug, Äußerungen darüber, verändertes Verhalten. Habe ein Patient einen Suizid geplant und den Entschluss dazu fest gefasst, sei auch immer wieder eine sogenannte „Phase der Ruhe vor dem Sturm“ zu beobachten, sagt Reif – in der ein Patient gelöst wirkt, gelassen sei. Ganz normal eben.

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