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Germanwings-Absturz : Alle Opfer sind geborgen

  • -Aktualisiert am

Mühsam und schwer auszuhalten: Helfer bei der Arbeit in der Nähe von Seyne-les-Alpes Bild: AP

Ermittler und Bergungshelfer an der Absturzstelle des Germanwings-Flugzeugs arbeiten schneller als gedacht. Alle Toten sollen bis Ende der Woche identifiziert sein, verspricht Frankreichs Präsident François Hollande.

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          Die Familie des Germanwings-Kopiloten Andreas Lubitz war zu keinem Zeitpunkt an der Absturzstelle in den französischen Alpen. Das hat die Präfektin des Departements Alpes-de-Haute-Provence, Patricia Willaert, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Seyne-les-Alpes mitgeteilt. Sie wies Spekulationen zurück, die Angehörigen des Kopiloten seien zum Absturzort gekommen – und deshalb seien Hinterbliebene der Opfer und der Germanwings-Besatzung getrennt worden. Die Präfektin widersprach damit dem ermittelnden Staatsanwalt Brice Robin in Marseille, der am Freitag mitgeteilt hatte, die Familie des Kopiloten sei auf dem Weg nach Seyne-les-Alpes.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der Airbus A320 der deutschen Fluggesellschaft Germanwings war vor einer Woche in den südlichen französischen Alpen zerschellt. Nach Einschätzung der Ermittler steuerte der deutsche Kopilot Andreas Lubitz das Flugzeug auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich gegen die Bergwand. Der 27 Jahre alte Mann war nach allen vorliegenden Indizien vermutlich psychisch krank.

          Die Absturzstelle kann seit Dienstag über eine neue Behelfsstraße schneller erreicht werden. Die Stichstraße erleichtere die Berge- und Ermittlungsarbeiten, sagte die Präfektin. Geplant sei, die Route in Kürze zu asphaltieren. Bislang waren die Ermittler und Bergetrupps auf Hubschrauber angewiesen oder mussten nach holpriger Fahrt in geländegängigen Autos noch ein halbe Stunde laufen. „Wir arbeiten schneller, länger, und wir bringen mehr Fundstücke zurück“, teilte die Gendarmerie in Seyne-les-Alpes mit.

          Flugschreiber könnte in die Erde getrieben worden sein

          Die Bergung der Todesopfer ist abgeschlossen. Es gebe keine Leichen mehr am Absturzort, sagte ein Vertreter der Gendarmerie. Die Identifizierung der Opfer soll nach den Worten des französischen Präsidenten schneller gehen als bisher angenommen. „Bis spätestens Ende der Woche ist es möglich, alle Opfer zu identifizieren“, sagte François Hollande am Dienstag während einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Er berief sich dabei auf Angaben des französischen Innenministeriums zum Fortgang der Bergungsarbeiten.

          Die Suche nach dem zweiten Flugschreiber ging am Dienstag weiter. Das Erdreich an der Absturzstelle wird inzwischen mit Stangen sondiert, weil die Ermittler nicht ausschließen, dass der Flugdatenschreiber beim Aufprall mehrere Meter tief in den Boden getrieben worden ist. Zudem waren zwei Hubschrauber im Einsatz, die außerhalb des aktuell festgelegten Suchgebiets nach Trümmerteilen suchten.

          Für die kommenden Tagen werden zwei Hubschrauber der Bundeswehr vom Typ Bell UH-1D in Seyne-les-Alpes erwartet. Frankreich hatte die Hilfe in Berlin erbeten. Drei Ermittler der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) arbeiten schon mit den sieben Ermittlern der französischen Unfallbehörde Bea zusammen. Bea-Direktor Rémi Jouty teilte am Dienstag in Paris mit, die Ermittlungen konzentrierten sich zur Zeit auf den Flugverlauf und stützten sich dabei auch auf Radardaten der französischen Flugüberwachung.

          Zudem solle „die Logik der Verriegelungssysteme von Cockpit-Türen“ analysiert werden. Auch die Verfahren beim Betreten und Verlassen des Cockpits würden untersucht, um Schwachstellen zu erkennen, die zu der Katastrophe geführt haben könnten. Die Aufzeichnungen des geborgenen Stimmenrekorders legen nahe, dass der Kopilot den Piloten aus dem Cockpit aussperrte und dann den Sinkflug bis zum Aufprall gegen das Bergmassiv einleitete.

          Carsten Spohr kommt nach Marseille

          Der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr wird für diesen Mittwoch im neuen Betreuungszentrum für die Hinterbliebenen der Absturzopfer in Marseille erwartet. Seit Samstag kümmern sich dort 90 Mitarbeiter um Angehörige, die zur Absturzstelle reisen wollen. Bislang haben die Ermittler mehr als 4000 Teile von der Unglücksstelle zurückgebracht, wie die Polizei weiter mitteilte. Die Fachleute sollten ihre Arbeiten bis zum 8. April abschließen, danach solle ein von der Lufthansa bezahltes Privatunternehmen den Absturzort reinigen.

          Germanwings-Chef Thomas Winkelmann dankte den Helfern am Dienstag in einer Videobotschaft. „Die Retter, Helfer und Betreuer vor Ort leisten Unermessliches“, sagte er. „Sie werden in beispielloser Weise unterstützt durch die Bevölkerung von Seyne-les-Alpes und der umliegenden Orte. Auch innerhalb unserer Germanwings-Familie und der gesamten Lufthansa-Gruppe kennt die Hilfsbereitschaft keine Grenzen.“

          Unterdessen hat die Lufthansa die geplante Feier zu ihrer Gründung vor 60 Jahren abgesagt. Die für den 15. April vorgesehenen Feierlichkeiten fänden „aus Respekt vor den Opfern des Absturzes von Flug 4U9525“ nicht statt, teilte der Germanwings-Mutterkonzern am Dienstag in Frankfurt mit. „An Stelle der geplanten Jubiläumsveranstaltung wird Lufthansa den Staatsakt aus dem Kölner Dom, bei dem Angehörige und Freunde am 17. April der Opfer gedenken werden, für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übertragen.“ Die Lufthansa nahm 1955 – zehn Jahre nach Kriegsende und der Liquidierung der 1926 gegründeten alten Lufthansa – ihren Dienst auf: Am 1. April 1955 startete die neue Lufthansa ihren regelmäßigen Flugbetrieb innerhalb Deutschlands. Spohr hat den Absturz in Südfrankreich als „schwärzesten Tag in der sechzigjährigen Geschichte unseres Unternehmens“ bezeichnet.

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