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Germanwings-Absturz : Alles, nur keine Erklärung

  • -Aktualisiert am

Beim LSC Westerwald hat Andreas L. fliegen gelernt. Der Vorsitzende Klaus Radke gibt Journalisten Auskunft an diesem Donnerstag Bild: Marcus Kaufhold

Im Westerwald, der Heimat des Kopiloten Andreas L., wird nun nach den Gründen für dessen Tat gefragt – aber eine Antwort findet keiner. Auch nicht frühere Flugkameraden, bei denen L. den Eindruck einer gereiften Persönlichkeit hinterlassen hatte.

          In der Nacht zum Donnerstag begann das Unvorstellbare Gestalt anzunehmen: Die Zeitung „New York Times“ und die Nachrichtenagentur AFP hatten berichtet, dass zum Zeitpunkt des Absturzes des Germanwings-Flugzeugs nur ein Pilot im Cockpit saß. Im Laufe des Donnerstags wurde dann klar: Es war der Kopilot Andreas L., ein 27 Jahre alter Mann, der aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur stammt, dort bei seinen Eltern wohnt, aber auch eine Wohnung in Düsseldorf hat. Für einen jungen Piloten ist eine solche Kombination nicht ungewöhnlich. Seit September 2013 war er bei der Lufthansa-Tochter Germanwings tätig, absolvierte dort 630 Flugstunden. Seine Ausbildung zum Piloten erhielt er ab 2008 an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen. Er war nach Lufthansa-Angaben zunächst als Flugbegleiter tätig, bis er schließlich als Pilot eingesetzt wurde.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Zur Fliegerei war L., der in dieser Hinsicht offenbar familiär nicht vorgeprägt war, über den Segelfliegerverein LSC Westerwald gekommen. Dessen Vorsitzender Klaus Radke war schon am Vormittag aufs Clubgelände gekommen, um dort einem Journalisten zu erzählen, wie er Andreas L. erlebt hat. Der Verein hatte da auf seiner Homepage bereits eine Traueranzeige geschaltet. „Andreas starb als erster Offizier im Einsatz auf dem tragischen Flug“, hieß es in der Anzeige des Vereins. Er habe als Segelflugschüler begonnen und es bis zum Piloten auf einem Airbus 320 geschafft. „Er konnte sich seinen Traum erfüllen, den Traum den er jetzt so teuer mit seinem Leben bezahlte.“

          Dann, gegen Mittag, überschlugen sich die Ereignisse. Auch in Montabaur. Die Staatsanwaltschaft in Marseille teilte mit, dass nach ihren bisherigen Erkenntnissen der Absturz mit Absicht verursacht wurde, und zwar von Andreas L. Für den Vorsitzenden des LSC Westerwald, der eigentlich zur Arbeit hätte gehen und seinen Hund hätte füttern müssen, gab es nun kein Entkommen mehr. Der Platz vor der Großgarage mit den Segelflugzeugen und der motorisierten Piper füllte sich im Laufe des Nachmittags immer mehr, Kamerateams französischer, britischer, norwegischer Fernsehsender kamen nacheinander, stellten immer wieder die gleichen Fragen: Wie sah er aus? Ist er das da auf dem Bild bei Facebook? Wie war er so als Mensch? Und natürlich: Gab es irgendetwas, was auf einen bevorstehenden Selbstmord hätte schließen lassen?

          Eindruck einer gereiften Persönlichkeit

          Die Antwort lautete erwartungsgemäß: nein. Sowohl Radke als auch sein Flugkamerad Peter Rücker, der schon seit 50 Jahren in der Fliegerei aktiv ist, zeichneten L. als einen ganz normalen jungen Mann, ein bisschen ruhig vielleicht – aber seit wann ist Ruhigsein unnormal? L. war seit fast 15 Jahren im Verein, er hat sich offenbar rege an den im Verein anfallenden Diensten beteiligt, hat kein Hehl daraus gemacht, dass er eine Freundin hatte, war augenscheinlich froh darüber, dass er bei Germanwings untergekommen war – für ausgebildete Piloten ist eine rasche Anstellung heute keineswegs selbstverständlich.

          Besonders in Erinnerung geblieben sind Radke und Rücker Begegnungen im vergangenen Herbst. L. war da nur mehr inaktives Vereinsmitglied, was mit den häufigen beruflichen Abwesenheiten eines Piloten leicht erklärt werden kann. Trotzdem war er mehrere Male zum Segelfliegen nach Montabaur gekommen, um seinen Segelflugschein nicht zu verlieren. Dabei ergaben sich längere Gespräche, in deren Verlauf L. offenbar den Eindruck gemacht hat, eine gereifte Persönlichkeit zu sein.

          Küchenpsychologisch könnte man nun fragen: Warum sollte ein Mann, der womöglich des Lebens überdrüssig ist, sogenannte Scheinerhaltungsflüge machen? Auf solche Fragen – auch nach möglichen terroristischen Hintergründen – wollten sich die Leute vom LSC gar nicht einlassen. Radke sagte, die Flugunglücke der jüngeren Zeit hätten gezeigt, wie schwierig die Ursachenforschung sei. Er appellierte an die anwesenden Journalisten, um der Hinterbliebenen willen keine vorzeitigen Schlüsse zu ziehen. Als er eher beiläufig erwähnt hatte, er selbst sei in dem Absturzgebiet in den französischen Alpen schon mehrfach beim Segelfliegen gewesen, und schwierige Bedingungen hätten dort geherrscht, da fügte er gleich hinzu: L. sei nie dabei gewesen, und Ursachenforschung wolle er damit auch nicht betreiben.

          Von den beiden Segelfliegern war also keine Schnelldiagnose zu erwarten. Auch die Bürgermeisterin fiel in dieser Hinsicht aus. Sie hatte schon am frühen Nachmittag wissen lassen, dass sie über die Bestätigung hinaus, dass L. in Montabaur gewohnt hatte, keine weiteren Informationen an die Öffentlichkeit geben werde. Also bewegten sich die Journalisten, der Autor dieses Texts inbegriffen, in die nun längst weltbekannte Straße, in der L. mit seinen Eltern gelebt hatte. So viel kann man darüber sagen: Es ist ein ruhiges Wohnviertel, das man durchaus auch als „gut“ bezeichnen kann. Aber was heißt das schon.

          Die Polizei schirmt das Elternhaus von Andreas L. ab

          Etwa zehn Polizisten standen an beiden Enden der Straße. Es blieb friedlich. Ein älterer Mountainbikefahrer wurde von einem Kamerateam angehalten. Er sagte: „Es ist ein ganz ruhiges Wohnviertel hier, gar nichts Auffälliges.“ Kennen Sie L.? „Ich müsste ihn kennen, aber ich kenne ihn nicht. Ich kenne kaum jemanden hier. Vielleicht kenne ich ihn vom Sehen.“ Einer der Journalisten sagte, die Atmung von L. sei im Cockpit bis zum Schluss ganz ruhig gewesen. Wieder andere versuchen die Zeit einzuschätzen, die L. beim Münz-Silvesterlauf 2013 in Montabaur für 10,7 Kilometer benötigte. Schließlich macht die Stellungnahme des Lufthansa-Chefs die Runde: „In der Ausbildung von L. habe es eine längere Unterbrechung gegeben.“ Und jetzt?

          Mitarbeit Uwe Ebbinghaus

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