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Abriss im Studio Babelsberg : Runter mit der Patina

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Bis zum Jahresende muss alles weg: Mit Baggern und Schweißbrennern reißen die Arbeiter Fassade für Fassade die Filmgeschichte ein Bild: Pein, Andreas

Tarantino und Polanski standen schon in der „Berliner Straße“. Nun muss das Studio Babelsberg die berühmteste deutsche Außenkulisse abreißen. Die neue Straße soll größer und schöner werden - und so die Amerikaner anlocken.

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          Die Funken des Schweißbrenners regnen aus drei Metern Höhe herab. Sekunden später neigt sich der Stahlträger bedrohlich, dann rauscht er herunter und rammt sich mit voller Wucht in den Sandboden.

          Wo das rostige Stück Stahl jetzt liegt, stand Quentin Tarantino schon. Der große Regisseur, von dem sie heute noch erzählen, weil er unbedingt das Kino in die Luft sprengen wollte. Tarantino mag keine virtuellen Effekte. Wenn im Drehbuch eine Explosion steht, dann muss es richtig explodieren. Also schossen in der Szene von „Inglourious Basterds“ echte Feuerbälle aus dem Eingang des Kinos, die Druckwelle katapultierte die Stuntfrau ein paar Meter weit vom Fahrrad herunter, und der Stahlträger, der gerade auf den Boden geknallt ist, hat das alles miterlebt.

          15 Jahre lang hielt er die „Berliner Straße“ zusammen. Die Außenkulisse im Studio Babelsberg ist eine der wenigen echten Filmstraßen der Welt und über die Zeit berühmt geworden. Neben dem Tarantino-Film wurde auch „Der Pianist“ hier gedreht, „Herr Lehmann“ und „In 80 Tagen um die Welt“. 1998 brauchte Leander Haußmann für den Film „Sonnenallee“ ein Stück Berlin aus der DDR-Zeit, aber er fand keines mehr. Also baute er gemeinsam mit dem Studio in Potsdam eine Straße genau so auf, wie er sie brauchte. Jetzt braucht der Filmpark Babelsberg das Grundstück, und die Straße steht im Weg. Der Themenpark neben dem Studiokomplex ist eine eigenständige Gesellschaft, ihm gehört das Gelände. Wohnungen sollen hier entstehen, also muss das Studio Babelsberg die Fassaden einreißen.

          Im Oktober ging es los, und in vier Wochen soll die Filmgeschichte ausradiert sein. Schon jetzt lässt sich der Grundriss der Straßenzüge nur noch erahnen. In der ehemaligen „Sonnenallee“ liegt meterhoch der Bauschutt, Steine und Sperrholzsplitter. Dort, wo Axel Krugmann gerade den Brenner wieder ansetzt, ist von hübscher Kulisse nichts mehr zu sehen. Aus dem Boden ragen nur noch die Stahlstreben, 14 Meter hoch, neun Meter tief im Boden versenkt. Über die Jahre spielten sie eine tragende Rolle.

          Polanski brauchte ein T

          Auf 7000 Quadratmetern standen hier 26 Fassaden, vier Stockwerke hohe Altbauten mit Stuckornamenten zwischen Fenstern und Balkonen. Mit der Hebebühne fährt Krugmann hoch, bis auf die 14 Meter, wickelt eine Eisenkette um die Querstrebe, dann noch eine ums andere Ende. Auf drei Metern setzt er den Brenner an. Die Flamme ganz vorn, 3.000 Grad, fräst sich durch den Stahl. Krugmann durchtrennt die linke Seite, seine Kollegen die rechte, das Stahlkonstrukt kippt – und schwankt in den Ketten. „Wenn de Pech hast, haut’s dich um“, sagt Krugmann. Hatte er aber noch nie, sie arbeiten ja vorsichtig. Ob er Tarantinos Kino vor Augen habe, das er hier gerade auseinander baut? „Nö. ,Sonnenallee’ kenn ick. Aber sonst bin ick janz Kunstbanause.“

          Bilderstrecke

          Mehr zu kämpfen hat er mit der Vorgabe des Filmstudios: Die Stahlträger müssen im Ganzen abmontiert werden, sie werden schließlich noch gebraucht. Das Studio will eine neue Filmstraße aufbauen. „Von den Produzenten wird das nachgefragt“, sagt Eike Wolf, der Unternehmenssprecher, der in den vergangenen Wochen häufig auf dieser Baustelle stand. So berühmt wie die Kulisse war, so groß ist auch das Interesse an ihrem Untergang. 350 Produktionen, hat Wolf überschlagen, nutzten die Straße über die Jahre. Vom Werbefilm bis zum Blockbuster. Auf dem Pflaster, das jetzt unter Dreck und Trümmern vergraben ist, stand aber nicht nur Tarantino – Roman Polanski war schon vor ihm da. Für ihn wurde die Straße das erste Mal erweitert. Er brauchte ein „T“ für das Warschauer Getto in „Der Pianist“. Also baute das Studio ihm ein „T“.

          Wo einst Nazi-Schergen einen Rollstuhl mitsamt Mann über eine Balkonbrüstung wuchteten und in die Tiefe warfen, steht jetzt nur noch ein nacktes Gerüst aus Streben und Schrauben. Der Balkon ist längst weg, der Putz auch, zum Vorschein kommt der wenig anmutige Gerüstbau dahinter. Während die meisten Häuser in der „Berliner Straße“ nur von außen hübsch aussahen und der Dreh im Studio weiterging, sobald die Darsteller durch die Haustür traten, war dieses Haus auch von innen bespielbar.

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