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Mottowochen der Abiturienten : „Was richtig Verrücktes zum Abschluss“

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Ein letztes Mal in der Gruppe, bevor jeder seinen Weg geht: Abiturienten in Heidelberg zum Motto „Geschlechtertausch“. Bild: Frank Röth

Endspurt für Deutschlands Abiturienten. Während ihrer Mottowochen inszenieren sie sich in allerlei Verkleidungen. Spaß steht im Vordergrund, doch nicht immer geht es friedlich zu. In Einzelfällen kommt es sogar zu Verletzten.

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          Geschlechtertausch ist angesagt in Heidelberg. Jungs mit Lippenstift und Langhaar-Perücke sowie Mädchen im Fußballtrikot mit Kappe stehen in Grüppchen auf dem Hof des Elisabeth-von-Thadden-Gymnasiums und vergleichen ihre Outfits. „Wie heißt das noch mal?“, fragt Flo seine Mitschüler und zeigt auf seine Kleidung. „Jumpsuit“, erläutert Sven. Er selbst trägt einen Minirock, von der Exfreundin ausgeliehen. Josefine, Abiturientin wie die anderen auch, hat ihr T-Shirt lässig in ihre Tommy-Hilfiger-Unterhose gesteckt. Gemeinsam mit ihren Klassenkameradinnen macht sie Fotos und kommentiert das gewagte Styling der Jungs. „Tim, du hast so eine schöne Taille“, schwärmt ein Mädchen. Und: „Du könntest bei ,Germany’s Next Topmodel‘ mitmachen, Merlin.“ Nur Linus, im grauen Kleid, wird schräg angeschaut: „Den Bart hättest du schon noch abrasieren können“, bemerkt eine Mitschülerin.

          „Die Mottotage sind noch mal was richtig Verrücktes zum Abschluss“, sagt ein Schüler. Bilderstrecke

          Ähnliche Szenen haben sich in den vergangen Wochen deutschlandweit abgespielt. Schließlich ist gerade Abi-Phase und damit auch Zeit für all die Rituale, die für Gymnasiasten nun mal dazugehören: Abi-Ball oder Abi-Streich zum Beispiel. Relativer Neuzugänger beim Abi-Kult an deutschen Gymnasien: die Mottowoche. Dafür kommen die Schüler des Abiturjahrgangs eine Woche lang kostümiert in den Unterricht.

          Täglich wechselnde Verkleidung

          Jeder Tag steht unter einem anderen Motto; beliebte Motive für die Verkleidungen sind Kindheits- und Comic-Helden, der Einschulungstag, „Bad Taste“, Flower Power oder „Assi“, kurz für „asozial“. Am Doppelgänger-Tag gehen je zwei Abiturienten im Partnerlook zur Schule, am Pyjama-Tag tragen sie dort Schlafanzug – Kuschelkissen nicht vergessen –, am Lehrerzimmer-Tag imitieren die Gymnasiasten den Stil der Pädagogen. Und dann sitzen Superman, Tussi, Oma oder Dr. Kremer im Unterricht und bereiten sich darauf vor, bald ihr Reifezeugnis ausgehändigt zu bekommen.

          Traditioneller Termin für die befristete Verwandlung sind die letzten Unterrichtstage der Abiturienten. Die genaue Ausgestaltung ist regional verschieden; mal sind die Mottotage vor, mal nach dem schriftlichen Abitur angesetzt. Manchmal ist der Abi-Scherz in die Mottowoche integriert, manchmal werden in den Pausen Süßigkeiten an jüngere Klassen verteilt oder Wasserschlachten in den Schulhöfen veranstaltet. „Hauptsächlich geht es in der Mottowoche um uns Abiturienten“, sagt Imke vom Franz-Haniel-Gymnasium in Duisburg. „Aber wir wollen natürlich auch die Schule bespaßen.“

          Letzte, verrückte Aktion vor dem Abschluss

          Jan aus Heidelberg, in Rock und bauchfreiem Shirt, kommentiert: „Die Mottotage sind noch mal was richtig Verrücktes zum Abschluss.“ Mitschüler Flo erklärt: „Diese Wochen sind für uns die letzte Möglichkeit, noch mal als Einheit aufzutreten, die letzte gemeinsame Aktion, bevor jeder seinen Weg geht.“ Und die letzte Möglichkeit, um einen bleibenden Eindruck in der Schule zu hinterlassen, ergänzt Josefine.

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          Gabriele Dafft, Kulturanthropologin beim Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte am Landschaftsverband Rheinland, beschäftigt sich beruflich schon seit einigen Jahren mit den Ritualen der sogenannten „Abi-Kultur“ und versucht dabei auch, den Trend Mottowoche zu verstehen. Sie erläutert: „Am Ende der Schulzeit wollen die Abiturienten noch mal Grauzonen austesten, als Gruppe etwas erleben und sich gemeinsam inszenieren.“ Außerdem fungierten die Mottowochen als sinnstiftendes Element: „Die Jugendlichen befinden sich am Ende der Schulzeit in einer schwierigen Übergangsphase“, so die Kulturanthropologin. Rituale wie die Mottowochen gäben Halt in unsicheren Zeiten.

          Neue Abschluss-Traditionen

          In einer sich zunehmend etablierenden Abi-Kultur sind die Mottowochen die neueste Erfindung. „Früher gab es das alles nicht“, sagt Dafft. Erst in den siebziger Jahren entstanden mit der Reform der Oberstufe – welche die Klassenverbände auflöste und den letzten beiden Jahren des Gymnasiums eine noch deutlichere eigene Prägung gab – die ersten harmlosen Abi-Streiche. In den neunziger Jahren entwickelten sich die Streiche zunehmend zu richtigen Shows, mit Bühne, Musik, Sketchen und Spielchen.

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