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Erster Regierungsbericht : 263.000 Menschen in Deutschland haben keine Wohnung

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Köln: Wohnungslose schlafen am frühen Morgen bei Schneeregen in einem Hauseingang in der Innenstadt. Bild: dpa

Ein Großteil der Wohnungslosen lebt in Einrichtungen, bei Freunden oder Angehörigen. 37.000 Menschen fehlt jedoch jedes Obdach. Die meisten von ihnen sind chronisch krank.

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          Die Bundesregierung hat am Donnerstag in Berlin erstmals einen Bericht über die Zahl und die Lage der wohnungslosen Menschen in Deutschland veröffentlicht. Danach waren am 31. Januar dieses Jahres rund 263.000 Menschen wohnungslos. In die Zählung wurden drei Gruppen einbezogen: Menschen in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, Personen, die bei Freunden oder Verwandten unterkommen und Obdachlose, die auf der Straße leben.

          Aus dem Bericht geht hervor, dass mit 178.000 Personen der Großteil der Betroffenen in öffentlichen oder gemeinnützigen Einrichtungen untergebracht waren. Rund 49.000 sind auf die Beherbergung von Freunden oder Verwandten angewiesen und gelten als verdeckt Wohnungslose. Weitere 37.000 Menschen leben als Obdachlose auf der Straße. Knapp zwei Drittel der Wohnungslosen sind Männer, gut ein Drittel Frauen. Dem Bericht zufolge leben außerdem 6.600 Kinder mit ihren Eltern in verdeckter Wohnungslosigkeit oder auf der Straße. Wohnungslose Menschen ohne Unterkunft sind mit im Schnitt 44 Jahren deutlich älter als untergebrachte oder verdeckt Wohnungslose mit 32 beziehungsweise 35 Jahren.

          Auch Daten zur Staatsangehörigkeit legte die Regierung vor: Demnach haben zwei Drittel der Wohnungslosen ohne Unterkunft und drei Viertel der verdeckt Wohnungslosen die deutsche Staatsangehörigkeit, alle anderen sind ausländischer Herkunft oder werden als Staatenlose eingestuft. Bei den untergebrachten Wohnungslosen haben nur 31 Prozent eine deutsche Staatsangehörigkeit. Das liegt daran, dass zum Teil auch Menschen in Flüchtlingsunterkünften dazu gezählt werden, wenn sie dort mangels Wohnraum länger leben.

          Mehr als die Hälfte der Wohnungslosen ist chronisch krank oder behindert

          Geprägt ist das Leben ohne festes Obdach auch von vielen gesundheitlichen Problemen. Der Erhebung zufolge geben mehr als 31 Prozent der verdeckt Wohnungslosen ihren Gesundheitszustand mit „weniger gut“ oder „schlecht“ an, bei den Wohnungslosen ohne Unterkunft sind es 40 Prozent. Unter allen Befragten gibt mehr als die Hälfte an, an einer langfristigen Erkrankung oder Behinderung zu leiden, ein Viertel ist suchtkrank – bei denjenigen ohne Unterkunft sind es sogar 35 Prozent.

          Für die Berichterstattung war bisher das Arbeits- und Sozialministerium zuständig, künftig ist es das Bauministerium. Bisher waren offiziell nur die im Nothilfesystem untergebrachten Wohnungslosen gezählt worden. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte die Zahl im Juli dieses Jahres. Der Bericht soll ein genaues Bild der Wohnungslosigkeit geben und nach Angaben von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gezieltere Hilfen ermöglichen.

          Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) sagte, die Menschen, die im öffentlichen Raum als wohnungslos sichtbar seien, seien „nur die Spitze des Eisbergs“. Viele tausend weitere seien betroffen. „Es ist Auftrag eines starken Sozialstaats auf allen Ebenen, das Menschenrecht auf Wohnen zu wahren und jenen zu ermöglichen, die davon ausgeschlossen sind“, sagte Geywitz. Bis 2030 solle die Wohnungslosigkeit beseitigt sein, so der Plan.

          Die Ampelregierung hatte im Koalitionsvertrag zur Prävention vor Wohnungsverlust und Bekämpfung von Wohnungslosigkeit unter anderem einen Nationalen Aktionsplan vereinbart. Aufgrund der föderalen Strukturen ist dazu eine enge Abstimmung mit den Ländern erforderlich. Die soziale Wohnraumförderung soll gestärkt werden. Im Jahr 2021 wurden den Angaben zufolge rund 44.500 Sozialwohnungen bundesweit gefördert, darunter über 30.000 Mietwohnungen. Eine Anpassung des Wohngeldes an Preissteigerungen und Heizkostenzuschüsse sollen demnach weitere Entlastungen für Betroffene bringen.

          Die Bundesregierung kommt mit der Statistik ihrer noch neuen, gesetzlichen Pflicht zur regelmäßigen Berichterstattung nach. Diese war jahrzehntelang von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) gefordert worden, die bisher die Zahlen wohnungsloser Menschen auf der Basis von Schätzungen veröffentlicht hatte. Sie ging zuletzt von 306.000 Wohnungslosen zum Stichtag 2020 aus. Die Gesamtzahl liegt aber nach Angaben der BAG W deutlich höher, da Menschen, die vor und nach dem Stichtag wohnungslos waren, mit der Stichtagszählung nicht erfasst werden.

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