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Kind einer Orgelbau-Familie : Aufgewachsen unter Orgelpfeifen

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Früh übt sich: Als Kind einer Orgelbau-Familie hat unser Autor eine besondere Verbindung zu Tasteninstrumenten. Bild: privat

Auf ein Weihnachten, bei dem die mächtigen Instrumente stumm blieben, folgt nun das offizielle Jahr der Orgel. Unser Autor entstammt einer Orgelbau-Familie – und erkundet seine Beziehung zu dem Instrument.

          7 Min.

          Ich erinnere mich an den Stern. Hoch über unseren Köpfen, ganz oben an der Orgel angebracht, aus Holz und in Gold bemalt. Es ist Weihnachten, und an solchen Festtagen fing er stets an, sich zu drehen. Der Höhepunkt für mich und meine beiden Schwestern. Wir sitzen auf den Holzbänken der Kirche, hören der dröhnenden Musik zu. „Die Orgel haben wir gemacht“, sagen sie. Eine der ersten Erinnerungen, die ich an die Kirche habe, an den Gottesdienst: Die Orgel haben wir gemacht.

          Ich bin in einer Orgelbau-Familie aufgewachsen. Seit ich denken kann, sind die Instrumente Teil meines Lebens. Dieser gigantische Klang, die Zeremonie in der Kirche, das Sakrale. Genauso sind sie für mich aber auch Wesen aus Holz und Zinn. Sie sind der Geruch von Sägespänen, in dicken Säcken abgefüllt. Sind das Kreischen der Maschinen, das Verbotene dieser gefährlichen Orte. Und sie sind Teil meiner Familie, ihrer Geschichte und bei jedem Beisammensein und Singen. Erst später in meinem Leben habe ich begriffen, dass das etwas Besonderes ist – und wollte erfahren, welche Beziehungen andere Menschen zu diesem größten aller Instrumente haben.

          Mitte der 50er Jahre übernahm mein Großvater, der den gleichen Namen wie ich trägt, den Orgelbau Rohlfing. Er baute eine neue Fabrik in Osnabrück-Hellern und nannte ihn um nach der Familie. Geboren war der Mittelpunkt vieler Menschen, der Mittelpunkt meiner Familie. Mein Vater, als Orgelbauer ausgebildet, war im Büro des Betriebs tätig, bis er entschied, ein Restaurant zu eröffnen. Sein Bruder ist ausgebildeter Bildhauer und arbeitet als Restaurateur, hatte seine Werkstatt direkt am Orgelbau. Der andere Bruder ist Orgelbaumeister, übernimmt schließlich den Betrieb von seinem Vater.

          Kreienbrink-Orgel in der Kirche St. Wiho
          Kreienbrink-Orgel in der Kirche St. Wiho : Bild: Rotaract Club Osnabrück

          Durch den Orgelbau haben sich meine Eltern kennengelernt. Der Vater meiner Mutter, er war Intonateur, bearbeitete die Orgelpfeifen so lange, bis sie die richtige Klangfarbe hatten. Ebenso war er Chorleiter und brachte, ob gewollt oder nicht, viele Menschen zusammen. Die Schwester meiner Mutter und ihren Mann etwa, der Organist und Küster war, inzwischen in Rente. Sie lernten sich im Chor kennen. Alle waren oder sind sie Orgelbauer, Schreiner, Chormitglieder, Organisten.

          Wohnhaus direkt an den Betrieb angebunden

          Wir hatten eine Oma und eine Omi, mütterlicherseits und väterlicherseits, beide wohnten einen Steinwurf von uns und vom Orgelbau entfernt. Omi hatte Matthias zum Mann, meinen Opa, den Gründer. Unser Haus war direkt an den Betrieb angebunden; wenn es Mittag gab, rannten wir Kinder ins Werk, um unseren Vater zu holen. Aber diese Orgeln, sie waren nicht nur die Arbeit meiner Verwandten. Sie waren Teil unseres Lebens.

          Weihnachten bei meiner Oma. Am zweiten Weihnachtstag versammelte sich stets die ganze Familie im viel zu engen Wohnzimmer von ihr. Fast 20 Menschen waren wir dann, neun Kinder, knisterndes Geschenkpapier, viel Lärm – bis das Geräusch der Orgel erklang. Zuerst ist das ein Summen und Hauchen. Es dauert ein paar Minuten, bis die Hausorgel gespielt werden kann. Mein Opa hat sie gebaut, nicht der Kreienbrink, der Vater meiner Mutter. Dann ging es los, jemand setzte sich auf die Bank, zog die Register – und alle sangen zu den ausgeteilten Noten. Mehrstimmig.

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