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Zum 200. Geburtstag : Mit Bismarck lässt sich sogar ein Bahnhof retten

Mausoleum: Sarkophage Bismarcks und seiner Frau in Friedrichsruh Bild: dpa

Mitten in einem schleswig-holsteinischen Waldgebiet liegt das Anwesen der Familie Bismarck. Die Nachkommen des einstigen Kanzlers haben dort eine Ausstellung und Erinnerungsorte errichtet. Ein Spaziergang durch Friedrichsruh - auf den Spuren Otto von Bismarcks.

          Otto von Bismarck, am 1. April 1815 geboren, stand 1871 auf der Höhe seines Ruhms. Im Frühjahr war der deutsch-französische Krieg zu Ende gegangen und die Reichseinigung vollzogen. Der preußische König Wilhelm I., der nunmehr „Deutscher Kaiser“ hieß, schenkte seinem Kanzler den Sachsenwald. Bismarck dankte: „Ich wüsste keine Besitzung zu finden, die so sehr meinen Neigungen und Idealen entspräche.“

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Sachsenwald erstreckt sich östlich von Hamburg als das größte zusammenhängende Waldgebiet Schleswig-Holsteins. Mittendrin liegt Friedrichsruh mit dem Bismarckschen Anwesen. Die Ruh wird hier allein durch die Bahn gestört, verläuft doch gleich neben dem Bismarckschen Wohnsitz, dem „Schloss“, die Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Für Bismarck war das seinerzeit ein Vorteil. Weil er schnell nach Berlin kam, hielt er sich auch häufig in Friedrichsruh auf.

          Mausoleum und drei weitere Erinnerungsstätten

          Bismarck hatte sich gleich nach der Sachsenwald-Schenkung bemüht, weitere Flächen hinzuzukaufen. Besitz war ihm wichtig: „Ich finde in dem allen keinen Reiz, wenn das Haus nicht mein Haus, diese Bäume nicht meine Bäume, wenn es nicht mein Bett und mein Tisch ist.“ In Friedrichsruh hat Bismarck seine „Gedanken und Erinnerungen“ diktiert. Dort ist er 1898 auch gestorben. Das neogotisch errichtete Mausoleum, das der Familie gehört, kann gegen Eintritt besichtigt werden.

          Und es gibt drei weitere Bismarck-Erinnerungsstätten in Friedrichsruh. Da wäre zunächst das „Schloss“. Freilich ist es nicht mehr das Original, das ging bei einem Bombenangriff Ende des Zweiten Weltkrieges verloren. Auch liegt es verborgen hinter Mauern. Dort lebt der 84 Jahre alte Ferdinand von Bismarck, der Chef des Hauses. In den vergangenen Jahren hörte man von der Familie, wenn es dort mal wieder krachte – was auch schon zu Zeiten des Kanzlers so gewesen sein soll.

          Biologisch abbaubare Urnen im „Ewigforst“

          Ferdinand hat vier Kinder. Vor allem der Erstgeborene, Carl-Eduard, Calle genannt, brachte die Bismarcks in die Presse. Calle, der 1961 geborene Lebemann, saß eine kurze Zeit lang für die CDU im Bundestag. Als besonders fauler Abgeordneter wurde er verspottet. Nach zwei Jahren musste er 2007 sein Mandat niederlegen. Carl-Eduard war auch die Hauptperson im Familien-Machtkampf. Erst kürzlich wurde die Sache beigelegt. Der Sohn Graf Gregor, 50 Jahre alt, soll es richten. Calle verschwand zunächst von der Friedrichsruher Bildfläche. Gregor von Bismarck gilt als umsichtiger und erfolgreicher Unternehmer. Eine seiner Ideen war der „Ewigforst“, wo biologisch abbaubare Urnen beigesetzt werden. Kürzlich hat die Familie auch das Restaurant „Forsthaus Friedrichsruh“ übernommen. Es gehörte den Bismarcks zwar schon immer, wird jetzt aber zum ersten Mal seit 140 Jahren von den Bismarcks selbst geführt.

          Der Familie gehört ebenso das Bismarck-Museum, das 1951 dem „Schloss“ gegenüber eröffnet wurde. Seit 2009 ist das Museum eine Dauerleihgabe an die ein Dutzend Jahre zuvor gegründete Stiftung Otto von Bismarck, deren Kernstück wiederum das von der Familie überlassene Bismarck-Archiv bildet. Die Familie bekommt für das Museum eine Miete, die Stiftung hat die Einnahmen.

          Dauerausstellung über Bismarck

          Zu den 350 Bismarck-Devotionalien, die dort zu sehen sind, gehört sein Friedrichsruher Arbeitszimmer, eine Fassung der von Anton von Werner gemalten Kaiserproklamation in Versailles von 1885 und jenes von der Ehefrau Johanna gestopfte Unterhemd, das beim Attentat auf Bismarck ein Loch bekommen hatte – es liegt gleich neben der Pistole des Attentäters. Eine Bismarck-Stiftung aufzubauen, darüber wurde schon seit den siebziger Jahren diskutiert. Dass nach langem Hin und Her die fünfte Politikergedenkstiftung im Land – nach Friedrich Ebert, Theodor Heuss, Konrad Adenauer und Willy Brandt – daraus wurde, hatte einen lokalen Anlass. Der neoklassizistische Bahnhof von Friedrichsruh verfiel und sollte mit Bismarck gerettet werden. So kam es auch, das Gebäude wurde restauriert. Neben dem Archiv kann dort eine umfangreiche Bibliothek genutzt werden.

          Im unteren Teil des Hauses gibt es eine Dauerausstellung über Bismarck und seine Zeit, oben einen Sonderausstellungsraum, der auch für Veranstaltungen genutzt wird. Seit einigen Jahren leitet Ulrich Lappenküper die Stiftung, deren publizistische Hauptaufgabe die Herausgabe der Schriften Bismarcks ist. 15.000 Besucher kommen jedes Jahr, vor allem Schulklassen. „Für sie ist Bismarck tiefes Mittelalter“, sagt Lappenküper. Aber an Bismarck lasse sich zeigen, dass über vieles von dem, was uns heute beschäftigt, auch damals diskutiert wurde. Zehn Mitarbeiter gibt es in Friedrichsruh – und in Schönhausen, wo die Stiftung eine Art Außenstelle unterhält. Im Geburtsort Bismarcks an der Elbe hatte die Familie noch zu Lebzeiten des Fürsten ein Museum eingerichtet. Es bestand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und wurde 1998 mit der Hilfe des Landes Sachsen-Anhalt wiederbelebt.

          Das Museum liegt im restaurierten Seitenflügel, das Herrenhaus selbst wurde 1958 gesprengt. Bekannt ist die dort zu sehende Sammlung von Münzen. Keinem anderen Staatsmann in Deutschland sind so viele Münzen, 250 an der Zahl, gewidmet worden. Restauriert ist auch das Inspektorenhaus in Schönhausen, wo die Stiftung sitzt. Friedrichsruh und Schönhausen sind zum 200. Geburtstag Teil einer dreigeteilten Ausstellung „Familie – Politik – Mythos“. Schönhausen ist für die Familie zuständig, Friedrichsruh für den Mythos und das dritte Bismarck-Museum, das in Bad Kissingen, für die Politik.

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