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Vor der Sonnenfinsternis : Mensch und Tier in heller Aufregung

Kinder spielen im Sonnenuntergang Bild: dpa

Am Freitagvormittag schiebt sich der Mond vor die Sonne – und Millionen Menschen bringen sich in Position, um das gut sehen zu können. Noch spannender könnte es jedoch am Boden zugehen.

          Einigen genügt es, am Vormittag mit einer geeigneten Schutzbrille kurz vors Haus zu treten und gen Himmel zu schauen. Andere sind auf die Färöer-Inseln im Nordatlantik gereist, weil die Abdeckung der Sonne durch den Mond dort fast komplett sein wird. Mehr als zwei Minuten wird die Dunkelheit dort andauern.

          Etwa 8000 Touristen sind derzeit auf den Inseln – so viele auf einmal wie nie zuvor. Es gibt nicht einmal genug Unterkünfte für sie, weshalb die Einheimischen unbürokratisch Betten an die Himmelsgucker vermieten. Auch die norwegische Inselgruppe Spitzbergen wird derzeit von Touristen überrannt, und der Andrang ist ähnlich enorm wie auf den Färöer-Insel. Eine Gruppe Camper wurde bei einer Wanderung von einem Eisbär angegriffen, der womöglich sein Revier verletzt sah. Auf Spitzbergen wird der Himmel am Freitag für drei Minuten dunkel sein.

          Ob die Sonnenfinsternis selbst die Tiere irritiert, kommt auf die Spezies an. Klaus Reiter, der an der Technischen Universität München lehrt, hat während der totalen Sonnenfinsternis 1999 das Verhalten von Nutztieren untersucht. Die von ihm beobachteten Pferde standen bei der plötzlichen Dunkelheit unter Stress, berichtet Reiter. „Manche von ihnen sind auf der Weide herum gerannt, andere waren ganz ruhig, zeigten aber erhöhte Herzfrequenzwerte.“ Auch Enten wurden nervös und suchten nach Schutz. Sie flogen zur Mitte ihres Teiches und sammelten sich dort. Andere Tiere dachten, es sei Schlafenszeit. Nachtaktive Tiere wiederum können munter werden – bei einer Sonnenfinsternis in Mexiko flogen sie plötzlich los, um nach Nahrung zu suchen.

          Schutzbrille für 329 Euro

          Während Tiere genügend Instinkte haben, nicht in die Sonne zu starren, werden Menschen immer wieder davor gewarnt. Bei der Sonnenfinsternis 1999 erblindeten einige, die keine Schutzbrillen trugen. Auf den neuerlichen Ansturm scheint die Branche dennoch nicht vorbereitet gewesen zu sein: Es gibt kaum mehr Schutzbrillen. „Die Brillen sind im Prinzip alle ausverkauft“, sagt eine Mitarbeiterin des Südwestdeutschen Augenoptikerverbands in Speyer. Prompt begann im Internet ein schwunghafter Handel: Die einfachen Pappgestelle mit Spezialfolie, im Laden für rund drei Euro zu haben, wurden am Donnerstag für Preise von 40 Euro und mehr online versteigert. Sogar für 329 Euro wurde eine Pappbrille angeboten.

          Allerdings ist mit Spektakeln auch auf der Erde zu rechnen – und die kann man ganz ohne Schutzbrille sehen. In einem Fall muss man womöglich nicht mal hinschauen: Das Stromnetz wird nämlich durch die Sonnenfinsternis auf eine harte Probe gestellt. „Dann wird sich zeigen, ob die Stromnetze und die Kraftwerke auch in Extremsituationen mit der Energiewende zurechtkommen, ohne dass Versorgungsunterbrechungen auftreten“, sagte Holger Lösch, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Dazulernen durch unfreiwillige Experimente – das ist nicht ganz das, was der Deutsche sich gemeinhin unter einer zuverlässigen Stromversorgung vorstellt. Doch zumindest auf kurzfristige Stromausfälle muss man gefasst sein, wenn Solarstrom in der Kapazitätshöhe mehrerer Großkraftwerke erst wegfällt und dann plötzlich wieder in das Stromsystem eingespeist wird.

          In Frankreich rechnet man unterdessen mit einem ganz anderen Ereignis: Am weltbekannten Klosterfelsen Mont-Saint-Michel in der Normandie wird eine „Jahrhundert-Flut“ erwartet. Die besondere Sonne-Mond-Konstellation, die auch zur Sonnenfinsternis führt, wird am Samstag und Sonntag einen starken Anstieg des Wasserstands zur Folge haben. Mit einem erwarteten Pegel von 13,45 Meter soll der Unterschied zwischen Flut und Ebbe höher werden als ein vierstöckiges Gebäude. Die Brücke, die das Unesco-Weltkulturerbe mit dem Festland verbindet, könnte komplett bedeckt werden.

          Schon zu normalen Zeiten ist der Tidenhub am Mont-Saint-Michel deutlich höher als anderswo an der Atlantikküste. Der Effekt der aktuellen Konstellation sei dort deshalb so eindrucksvoll zu beobachten, weil die Halbinsel Cotentin am höchsten Punkt der Normandie und die bretonische Küste wie eine Art Trichter für das Meerwasser wirkten, erklärte der Wissenschaftler Eric Langlois vom Nationalen Hydrographischen Dienst das Phänomen. „Jetzt kommt ein Moment, in dem die Sonne und der Mond in einer Linie mit der Erde sind. Der Effekt des Magnetfeldes verstärkt sich“, sagte Langlois.

          Im Gegensatz zur Sonnenfinsternis am Himmel haben die Ereignisse auf der Erde unterdessen einen weiteren Vorteil: Sie sind nicht vom Wetter abhängig. Denn der Deutsche Wetterdienst macht einigen Regionen keine großen Hoffnungen: „Es gibt ein Nord-Süd-Gefälle“, erklärte DWD-Meteorologe Andreas Würtz. Die Menschen in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen und Sachsen können sich seiner Einschätzung nach über einen klaren Blick auf das Himmelsspektakel freuen. Doch je weiter man im Norden wohne, desto schlechter würden die Chancen. „In Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und im Norden von Niedersachsen wird es durchgehend bedeckt bleiben“, sagte Würtz. Da nützt die teuerste Schutzbrille nichts.

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